Die Stadt ohne Tageslicht

Es ist Freitag! Und das heißt für mich: Zeit eine neue (oder alte) Geschichte zu posten. Seit ich nicht mehr nur alte Texte poste, kann ich die Kategorie schlecht FlashbackFreitag nennen – deswegen bin ich noch auf der Suche nach einem neuen Namen. Storytime? Neh, das ist langweilig. So lange ich weiter grüble, wünsche ich euch viel Spaß mit der heutigen Geschichte!


Da war es wieder, dieses Gefühl. Das Prickeln im Nacken, als würden tausend Nadeln in ihre Haut fahren. Ihr sechster Sinn, dem sie mehr vertraute als allen anderen zusammen – dem sie ihr Leben anvertraute.
Obwohl sich ihr Herzschlag beschleunigte und ihr sagte, sie solle davonrennen, verlangsamte Kenna ihre Schritte und blieb vor dem nächsten Marktstand stehen. Vor ihr lagen Kisten voller Obst – rote Äpfel, Erdbeeren, Pflaumen, Trauben, sogar ein paar Orangen entdeckte sie. Bei dem bunten Anblick knurrte ihre Magen, doch Kenna ignorierte es. Hinter der Auslage stand eine dicke Frau, fast zwei Köpfe größer als Kenna, mit fleckiger Schürze und einer lauten, rauen Stimme. Gerade verkaufte sie einer Magd ein paar Reben mit schweren Trauben. Einer Sklavin, korrigierte sich Kenna in Gedanken, als sie das Glöckchen an der Fußkette der Frau klingeln hörte.
„Kann ich dir helfen, Mädchen?“, fragte die Händlerin jetzt. Kenna schenkte ihr ihr freundlichstes Lächeln, auch wenn ihr Puls noch immer raste und das Kribbeln in ihrem Nacken sich langsam in ihrem ganzen Rücken ausbreitete. Sie kommen näher.
„Nein danke. Ich sehe mich nur um.“
„Dann scher dich weg und mach Platz für zahlende Kunden!“, fauchte die Frau und Kenna gehorchte, bevor sie noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie ging weiter, aber das bedrohliche Kribbeln ließ sich nicht abschütteln. Sie musste wissen, wer sie verfolgte, aber sich einfach umzusehen wagte sie auch nicht.
Vor einem Bettler am Rand des Marktes blieb sie erneut stehen. Alles in ihr zog sich bei der Geste schmerzhaft zusammen, doch sie fischte einen der gerade erst gestohlenen Taler aus ihrer Tasche, bückte sich und legte sie dem Alten in die offene Handfläche. Als sie sich wieder aufrichtete, warf sie vorsichtig einen Blick durch ihre Haare nach hinten. Zwei Männer beobachteten sie misstrauisch. Die roten Schärpen über ihren Schultern wiesen sie als Mitglieder der Stadtwache aus. Kenna musste länger auf dem Markt gewesen sein, als sie gedacht hatte, wenn selbst diesen unterbelichteten Schlägern auffiel, dass sie nichts kaufte. Sie sollte sich besser schleunigst aus dem Staub machen.
So unauffällig wie möglich verließ Kenna den Markt. Sie ging langsam durch die engen Straßen von Burgzabern, in denen Sonnenlicht rar war, so sehr neigten sich die Häuser auf beiden Seiten des Weges aufeinander zu. Um so weiter sie sich vom Markt entfernte, umso weniger Menschen begegnete sie, doch das Kribbeln verschwand nicht und die schweren Stiefel der Dorfwachen folgten ihr über das kaputte Pflaster.
Flink bog Kenna um ein paar letzte Ecken, versicherte sich, dass die Dorfwachen sie für den Moment aus den Augen verloren hatten und schlüpfte durch eine kaputte Stalltür in den hinteren Teil einer alten Schmiede. Das Gebäude stand schon seit Jahren leer, von ein paar Taugenichtsen abgesehen, die hier regelmäßig Obdach suchten, bis die Dorfwachen sie wieder hinaus prügelten. Doch das war vorne und in den oberen Stockwerken. In den Stall verirrte sich nie jemand. Außer Kenna.
Im Halbdunkel tastete sie sich an der Wand entlang zu der Pferdebox, in der ihre anderen Sachen unter einem Haufen Heu lagen. An der Rückwand war einer der Backsteine lose. Kenna zog ihn heraus und fischte nach dem alten Lederbeutel, den sie dort deponiert hatte. Sie ließ einen Großteil des Geldes, das sie heute geklaut hatte, hineinfallen und versteckte ihn wieder. Nur ein paar wenige Eisentaler behielt sie. Und die goldene Taschenuhr, die sie dem Schreiber abgeknöpft hatte. Sie würde sie für gutes Geld an den alten Murphy verkaufen können. Dann schlüpfte sie aus ihrem Kleid, band sich die Brust ab und schlüpfte in Hose, Hemd und Stiefel, die bereit lagen. Ihre langen dunklen Locken flocht sie zu zwei schnellen Zöpfen, ehe sie sie sich auf dem Kopf feststeckte und unter einer verblichenen grünen Kappe verschwinden ließ. Auf dem Markt war sie als Mädchen unauffälliger, doch dort wo sie jetzt hinging, im Untergrund, war sie als Junge besser dran.
Sie versteckte ihr Kleid unter dem Heu und schlich sich wieder aus dem Stall. Hinter der nächsten Ecke standen noch immer die beiden Dorfwachen und suchten vergeblich nach ihr. Unbehelligt ging sie an ihnen vorbei, tippte zum Gruß sogar an ihre Mütze. Doch erst als ihr einige Straßen weiter der Geruch des schmutzigen Flusses in die Nase stieg, verschwand das Kribbeln in ihrem Nacken fürs erste. Leise lächelnd ging sie die alten Steinstufen hinunter ans Ufer und betrat den Tunnel, der in die Stadt unter der Stadt führte. Die Stadt ohne Tageslicht, in die sich niemand verirrte, der nicht irgendwelche krummen Geschäfte plante. Die Stadt der Gauner, Betrüger, Diebe und Mörder. Hier fühlte Kenna sich Zuhause.

Es ist Freitag! Und das heißt für mich: Zeit eine neue (oder alte) Geschichte zu posten. Seit ich nicht mehr nur alte Texte poste, kann ich die Kategorie schlecht FlashbackFreitag nennen - deswegen bin ich noch auf der Suche nach einem neuen Namen. Storytime? Neh, das ist langweilig. So lange ich weiter grüble, wünsche ich … Die Stadt ohne Tageslicht weiterlesen

Sag ja, sag nein

 

 

In diesem Moment
der endlos scheint
Sag ja, sag nein
Nimm mir mein Herz
Oder schenk mir deins.
Sonst drohe ich zu ertrinken
in der Möglichkeit
die nicht mehr meine ist.

Aus dem Strand, über den wir liefen
wurde Treibsand, der uns verschluckt.
Und der Fluss, der uns trug
Stürzt jetzt hinab.

Ein Wasserfall.
Wie passend, romantisch.
Ist es das, was wir brauchen?
Oder tut es auch jeder andere Ort?

Was wirst du tun?
Sag ja, sag nein.
Aber tu was.
Denn ich bin es leid.

 

 

 

 

    In diesem Moment der endlos scheint Sag ja, sag nein Nimm mir mein Herz Oder schenk mir deins. Sonst drohe ich zu ertrinken in der Möglichkeit die nicht mehr meine ist. Aus dem Strand, über den wir liefen wurde Treibsand, der uns verschluckt. Und der Fluss, der uns trug Stürzt jetzt hinab. Ein … Sag ja, sag nein weiterlesen

Gegen die Regeln

Hallo ihr Lieben!

Diese Woche will ich gar nicht so viel quatschen. Es gibt heute wieder eine eher neuere Geschichte für euch. Allerdings weiß ich noch nicht so ganz, was ich davon halten soll – deswegen dachte ich, ich frag einfach mal euch 😀

Also: viel Spaß!


Langsam lösten sich ihre Lippen wieder von meinen. Ich spürte ihr Herz an meiner Brust schlagen, als sie die Stirn gegen meine lehnte. Ein Lächeln huschte über unser beider Gesichter noch bevor sie sich wieder herunterbeugte und ein zweiter, süßer Kuss auf den ersten, leidenschaftlichen, folgte. Wie immer. Es war eine dieser Angewohnheiten, für die ich sie jedes Mal noch mehr liebte. Dann lehnte sie sich zurück in die Kissen und blickte hinauf an die Decke über meinem Bett.
„Es ist lange her, dass wir so Zeit miteinander verbracht haben“, sagte sie dann.
„Wie? Knutschend im Bett?“, fragte ich sie grinsend. Ich schaute sie an, sog ihr Profil in mich auf. Die gerade Nase, das spitze Kinn, die kleinen Ohren, die zwischen den kurzen schwarzen Haaren hervorschauten, das kleine Tattoo an ihrem Hals, dass sie sich in Thailand hatte stechen lassen. Damals, als sie noch mit ihrem ersten Freund zusammen war. Immer öfter ertappte ich mich in letzter Zeit dabei. Immer aus Angst, dass es das letzte Mal sein könnte, dass ich sie so sah.
Mit erhobenen Augenbrauen erwiderte sie endlich meinen Blick, zuckte mit den Schultern. „Ich habe einen schlechten Einfluss auf dich“, stellte sie nur fest. Damit hatte ich nun nicht gerechnet.
„Wieso?“
„’Knutschend im Bett‘? Mit einem anderen Mädchen? Und das nicht zum ersten Mal? Das ist sicher nicht das, was deine Eltern dir beigebracht haben. Geschweige denn, dass man darüber sprechen dürfte.“ Ich lachte. Damit hatte sie Recht. Wenn meine Eltern jemals von uns erfuhren, wäre ich vermutlich schneller mit dem Sohn von Papas Geschäftspartner verlobt als ich „Van Behrens Immobilien – wir finden, was sie suchen!“ sagen könnte.
Mein Handy vibrierte neben mir auf dem Nachttisch. Ich überlegte es zu ignorieren, doch es könnte Papa sein, der früher nach Hause kam. Widerstrebend drehte ich mich von Toni weg und blickte auf das Display – es war nur meine Mutter, die wissen wollte, ob wir unseren Mutter-Tochter-Wellness-Tag verschieben könnten. Ich verdrehte die Augen und ließ die Nachricht erst mal unbeantwortet.
Schon spürte ich Tonis Hand wieder auf meiner Hüfte. Ihre Lippen berührten kurz meinen Nacken. Sie legte ihr Kinn auf meine Schulter und fragte vorsichtig: „Ist es wichtig?“
„Nein“, antwortete ich und drehte mich wieder zu ihr um. Fast automatisch verschränkten sich meine Finger mit ihren. Sie lag nur wenige Zentimeter neben mir auf dem Kopfkissen, lächelte mich an und kümmerte sich nicht um die freche Haarsträhne, die ihr vor dem Gesicht baumelte.
„Was ich vorher eigentlich sagen wollte“, begann sie schließlich. „Ist, dass es mir gefehlt hat einfach nur Zeit mit dir zu verbringen. Ohne Pläne zu schmieden. Sondern nur wir beide.“ Ich nickte, wollte mich gerade zu ihr lehnen um sie zu küssen, als ich innehielt. Es hatte einen guten Grund, warum wir dazu in letzter Zeit nicht gekommen waren. Mein Lächeln verschwand, ich wandte den Blick ab und löste meine Hand von ihrer. Stattdessen war es jetzt ich, die an die Decke sah.
„Aber wir sollten Pläne schmieden. Eine Lösung finden. Bevor es zu spät ist.“ Ich spürte die Tränen, die mir in die Augen stiegen, bevor sie dort waren.
„Hey.“ Toni stützte sich auf den Ellbogen, zwang mich sie anzusehen. „Das wird schon wieder.“
„Das wird schon wieder?“ Ein kurzes hysterisches Lachen entfuhr mir. „Fucking Märchenfiguren haben meinen Bruder entführt. Wie genau sollen wir das wieder gerade biegen?“ Tonis Daumen wischte die erste Träne von meiner Wange.
„Elfen, keine Märchenfiguren“, korrigierte sie mich. Ich schaffte es die Augen zu verdrehen, doch meine Tränen versiegten nicht. Toni wartete, bis ich mich wieder halbwegs gefangen hatte. „Wir finden einen Weg. Ich verspreche es dir, okay?“, sagte sie dann. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und nickte. „Danke.“
„Immer gerne“, antwortete sie lächelnd und küsste den letzten Tropfen von meiner Wange. Dann hielt sie inne. „Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie gut mir dein Outfit heute gefällt?“ Ich lachte über den Themenwechsel.
„Nein, aber es sind ja auch deine Klamotten“, sagte ich.
„Stimmt.“ Grinsend zupfte sie an dem türkisenen Top, das ich seit dem Morgen trug. Auf einmal wurde mir bewusst, dass der kurze schwarze Rock, den sie mir geliehen hatte, ziemlich weit hoch gerutscht war. „Du solltest sie mir noch zurückgeben.“
„Jetzt gleich?“, fragte ich zurück. Mein Puls raste, auch wenn es nicht unser erstes Mal wäre.
„Wieso nicht?“ Wieder beugte sie sich zu mir nach unten, ihre Lippen legten sich an die empfindliche Stelle unter meinem Ohr, die sie viel zu gut kannte.
Ich ließ zu, dass sie mich noch für ein, zwei weitere Stunden von meinem Leben ablenkte. Und genoss jede einzelne Sekunde davon.

Hallo ihr Lieben! Diese Woche will ich gar nicht so viel quatschen. Es gibt heute wieder eine eher neuere Geschichte für euch. Allerdings weiß ich noch nicht so ganz, was ich davon halten soll - deswegen dachte ich, ich frag einfach mal euch 😀 Also: viel Spaß! Langsam lösten sich ihre Lippen wieder von meinen. … Gegen die Regeln weiterlesen

Wenn die Sonne scheint

Wie angedeutet, gibt es heute mal keine alte Geschichte von mir, sondern eine Szene, die ich erst vor ein paar Wochen geschrieben habe. Ich hatte erst überlegt noch einen Ausschnitt aus meinem ersten Romanversuch in der siebten Klasse zu posten, habe mich jetzt aber erst mal dagegen entschieden.

Viel Spaß!


Langsam wachte ich auf. Die Sonne schien durch die Vorhänge, die sich vor den offenen Fenstern im Wind ballten. Das Bett neben mir war leer, aber als ich den Kopf ein wenig wandte, entdeckte ich Jake am Fußende des Bettes vor dem Kleiderschrank. Er hatte mir den Rücken zugewandt und trug nur ein Handtuch um die Hüften. Das Morgenlicht zeichnete seinen sehnigen Körper nach und betonte seine Muskeln. Wie so oft bewunderte ich das kunstvolle Tattoo an seinem Rücken. Wenn er sich bewegte, dann schien es manchmal, als würden die Vögel tatsächlich über seine Schultern davon fliegen. Sein braunes Haar war noch vollkommen durcheinander, aber nass – er musste schon geduscht haben.
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, als ich ihn dabei beobachtete, wie er nach Klamotten kramte, schließlich das Handtuch ablegte und in seine Boxershorts schlüpfte. Ich biss mir auf die Lippe, doch schlussendlich hielt ich es nicht länger aus.
„Guten Morgen“, sagte ich. Sofort fuhr Jake herum, ein wenig erschrocken vielleicht, doch dann lächelte auch er.
„Guten Morgen“, antwortete er. „Hast du mich etwa beobachtet?“
„Vielleicht.“ Ich schielte hinüber zum Wecker – gerade mal halb sieben – und dann zurück zu Jake. Er war ein Stück näher gekommen und stand jetzt neben dem Bett. Ich blickte zu ihm hoch und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er zog seine gepiercte Augenbraue nach oben.
„Das macht man aber nicht“, sagte er dann, bevor er sich mit dem Knie auf dem Bett abstützte und mir einen schnellen Guten-Morgen-Kuss gab. Ich vergrub meine Finger in seinem Haar und hielt ihn fest. „Aber wahrscheinlich konntest du den Blick nur einfach nicht von mir lösen, oder?“ Er war mir immer noch so nah, dass ich sein Grinsen an meinen Lippen spüren konnte.
„Sei nicht ganz so arrogant, ja?“, bat ich, bevor ich ihn wieder küsste. Seine Zunge schob sich zwischen meine Lippen und bevor ich es so richtig wahrnahm, lag er bereits über mir und seine Hand fuhr unter das Shirt, in dem ich geschlafen hatte. Doch ich löste mich von ihm.
„Musst du nicht eigentlich gleich los?“, fragte ich.
„Nein. Das kann warten.“
„Gut“, brachte ich noch hervor, bevor er seine Lippen wieder auf meine presste. Meine Hand drückte gegen seine Schulter und ich richtete mich langsam auf, ohne, dass wir uns voneinander gelöst hätten. Jake folgte meinen Bewegungen perfekt und schließlich ließ er sich ergeben neben mir auf den Rücken sinken. Grinsend setzte ich mich auf ihn und sofort spürte ich wieder seine Hände an meiner Hüfte. Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf und legte dann meinen Mund wieder auf seinen. Seine Finger fuhren über meine nackte Haut, zeichneten die Konturen nach, die er doch eigentlich schon so gut kennen müsste. Doch er überließ mir die Führung. Ich ließ meine Küsse an seinen Hals wandern und dann seinen Körper hinab und wieder hinauf. „Wie viel Zeit hast du?“, flüsterte ich ihm zu, bevor ich vorsichtig in sein Ohrläppchen biss. Ich spürte, wie sich sein Griff um mich daraufhin sofort ein wenig verstärkte.
„Pressekonferenzen kann man verschieben“, sagte er fast gleichzeitig. Und dieses Mal war es mir egal, dass eigentlich ich die Vernünftige in dieser Beziehung sein sollte. Sollte sein Manager ihm doch die Mailbox vollquatschen.

Wie angedeutet, gibt es heute mal keine alte Geschichte von mir, sondern eine Szene, die ich erst vor ein paar Wochen geschrieben habe. Ich hatte erst überlegt noch einen Ausschnitt aus meinem ersten Romanversuch in der siebten Klasse zu posten, habe mich jetzt aber erst mal dagegen entschieden. Viel Spaß! Langsam wachte ich auf. Die … Wenn die Sonne scheint weiterlesen

Spring ein zweites Mal [FlashbackFreitag]

Mir gehen doch tatsächlich die wirklich „älteren“ Geschichten aus für diese Beitragsreihe aus! Deswegen habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: ich habe noch eine Menge „Gedichte“, die ich hier posten könnte, unter dem Hashtag  [Poesieoderso] vielleicht, aber eigentlich will ich das nicht. Denn viele davon sind doch ziemlich persönlich oder auch einfach nur schrecklich kitschig und einfach nicht so, dass sie hier her passen würden. Oder Möglichkeit Zwei: Jede Woche eine neue Kurzgeschichte / Szene / was auch immer zu posten. Und ich denke, darauf wird es wohl auch hinaus laufen. Ich hoffe ihr seid damit einverstanden 😀

Die Szene für diese Woche ist auch erst so zwei Jahre alt. Und ehrlich gesagt habe ich lange gezögert, sie hier zu veröffentlichen, denn sie ist mittlerweile der Ausgangspunkt für eine viel größere Geschichte geworden – die wahrscheinlich auch mein nächstes Projekt sein wird. Aber was soll’s – es ist immerhin eine Geschichte, mit der ich immer noch ziemlich zufrieden bin.

Deswegen jetzt also: Viel Spaß!


Das Türklingeln riss mich aus dem Schlaf, in den ich gerade erst gesunken war. Der Projektor lief noch, aber als ich zum Fenster ging, schaltete ich ihn aus. Im Hof standen keine Militärfahrzeuge, keine Sonder-Einsatz-Kommandos bezogen Stellung – ein gutes Zeichen. Trotzdem führte mich mein nächster Weg zum Bücherregal, zum Zahlenschloss, um unanständige, kontroverse, revolutionäre Werke zu verstecken. Es waren längst nicht mehr die selben wie früher, diese hier waren geschwärzt und gekürzt. Sie erzählten eine Wahrheit, deren Kern zensiert worden war. Ich schloss die Tür zum Schlafzimmer, zum Bad, blieb dann kurz vor dem Spiegel im Flur stehen und strich meine Bluse glatt. Dann erst ging ich zur Tür.
Längst hatte es ein zweites Mal geklingelt, der Ton hallte noch schrill in meinem Kopf nach. Trotzdem nahm ich mir die Zeit durch den Spion zu sehen. Zunächst fiel mein Blick auf die gegenüberliegende Wand, auf das kleine rote Licht, das mir sagte, dass die Kamera alles aufzeichnete. Dann erst sah ich den jungen Mann an, der auf der anderen Seite der hellen Tür wartete. Sein Blick war auf den Spion gerichtet, es wirkte, als sähe er mich direkt an. Seit über anderthalb Jahren hatte ich nicht mehr in diese sturmblauen Augen geblickt. Ich wusste, dass ich die Tür besser nicht öffnen sollte, aber ich konnte nicht anders. Meine Hand zitterte, als ich nacheinander alle Schlösser öffnete.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte ich, ehe mein Ex-Freund auch nur den Mund öffnen konnte. Ich blickte wieder zu der Kamera. Das rote Licht schrie mich an, sagte mir, dass es keine zehn Minuten gehen würde, bis die Polizei doch hier war.
„Ich weiß, aber wir müssen reden“, antwortete Kyle. „Kann ich rein kommen?“
„Nein. Du hast nicht mal die Kamera verdeckt. Sie werden gleich hier sein.“
„Das war keine Bitte.“ Mit diesen Worten drängte er mich zur Seite, betrat meine Wohnung und schloss ohne zu fragen die Tür. Ich wehrte mich nicht, ich wagte es nicht.
„Was willst du?“, fuhr ich ihn an.
„Reden.“
„Worüber?“
„Unsere Tochter.“ Das saß. Ich konnte ihn nicht ansehen, konnte nicht antworten. Ging einfach ins Wohnzimmer ans Fenster und blickte hinaus in die Nacht.

„Wie hast du davon erfahren?“, fragte ich doch irgendwann. Ich wusste, dass er mir ins Zimmer gefolgt war, spürte ihn dicht hinter mir, wusste aber auch, dass er weit genug vom Fenster entfernt war, als dass man ihn von draußen hätte sehen können. Manche Gewohnheiten legte man nicht ab. Er blieb still und ich wusste, dass das viel gefährlicher war, als wenn er schreien und toben würde. Ich wünschte mir, er würde mich anschreien.
„Spielt das eine Rolle?“, antwortete er schließlich. „Warum hast du es mir nicht erzählt?“
„Wie hätte ich denn sollen?“, fragte ich und drehte mich um. „Du lebst irgendwo im Untergrund und planst eine Revolution und ich werde rund um die Uhr bewacht. Ich konnte mir ja nicht ein Mal sicher sein, dass du überhaupt noch lebst.“ Er streckte die Hand aus, winkte mich zu sich, zurück in den Schatten. Ich blieb vor ihm stehen, berührte ihn aber nicht. Die Distanz zwischen uns war weitaus größer als die 30 Zentimeter, die uns tatsächlich voneinander trennten.
„Du hättest es mir sagen können, als du schwanger warst.“
„Ich wusste es doch nicht, bis sie mich auf ihren Operationstisch gelegt haben.“
„Was haben sie mit dir gemacht?“
„Nichts. Die Schwangerschaft hat sie abgehalten. Und als Sadie geboren war, hatten sie ein Druckmittel gegen mich. Erpressbar bin ich für sie wertvoller als willenlos oder tot.“
„Erpress -“ Jetzt erst schien Kyle zu begreifen, was ich gerade gesagt hatte. „Wo ist sie? Was haben sie ihr angetan? Ich schwöre dir, wenn sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, dann…“
„Sie ist in einem Heim am anderen Ende der Stadt“, fiel ich ihm ins Wort. „Ich kann sie ein Mal alle zwei Wochen besuchen. Sie haben ihr nichts getan, zumindest bis jetzt. Aber als du hier aufgetaucht bist, hast du vermutlich ihr Todesurteil unterschrieben.“ Kyle sagte nichts, wusste vermutlich nicht, was er hätte sagen können. Ich begann zu zittern, als mir selbst klar wurde, was ich da gerade gesagt hatte. Tränen stiegen mir in die Augen und meine Sicht verschwamm. Als die Welt sich um mich herum zu drehen begann, musste Kyle mich auffangen. Er führte mich zum Sofa, ließ mich aber sofort wieder los, nachdem er mich abgesetzt hatte. Ein schmerzhaften Schluchzen stieg in mir auf, bei dem sich mein gesamtes Innerstes eng zusammenzog. Kyle wartete. Es gab nichts, was er hätte tun können.

„Du hättest nicht kommen dürfen“, brachte ich schließlich hervor.
„Du hast Recht, aber woher hätte ich das vorher wissen sollen?“, fragte er noch immer ruhig, aber ich sah die Angst in seinen Augen, sah sie darin, wie er den rechten Mundwinkel nach unten zog und sich nervös die Haare raufte.
„Wie du es hättest wissen sollen? Hast du gedacht, ich lasse mich freiwillig einsperren? Lasse mir freiwillig vorschreiben, was ich zu essen habe und wie ich mich kleiden soll? Dachtest du, es gefällt mir, ständig beobachtet und verhört zu werden?“ Ich sah ihn an, wartete auf eine Reaktion, die nicht kam. „Hast du wirklich alles vergessen, was wir erlebt haben?“
„Nein. Ich schätze, ich habe überhaupt nicht nachgedacht.“ Wir schwiegen für einen Moment und ich fragte mich, wo die Truppen blieben.
„Wenn sie dich erst mal geschnappt haben, dann haben sie keine Verwendung mehr für mich und noch weniger für Sadie. Sie werden erst die Kleine umbringen und dann mich, vor deinen Augen, einfach, um dich leiden zu sehen. Dann werden sie dich foltern, bis du ihnen alles erzählst, was sie hören wollen. Du wirst alle verraten. Dann erst werden sie dich endgültig hinrichten.“ Ich machte eine Pause, versuchte den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. „Es ist vorbei. Wir haben verloren.“
„Dann dürfen sie mich eben nicht schnappen.“
Ich lachte ihn aus, konnte gar nicht anders. „Kyle, das ist unmöglich. Sie werden jede Minute hier sein.“
„Gibt es keinen zweiten Ausgang?“, fragte er und ich schüttelte den Kopf.
„Das hier ist mein persönliches Gefängnis. Wenn sie es nicht wollen, dann gibt es hier nicht mal einen einzigen Ausgang.“
„Was ist mit den Fenstern?“
„Die lassen sich nicht öffnen und das Panzerglas zerbricht auch nicht. Und bevor du fragst: es gibt hier weder einen Keller noch einen Kamin.“
„Ich kann nicht einfach aufgeben!“, rief Kyle. Zum ersten Mal seit er hier war, wurde er ein wenig laut. Erst jetzt kam der Rebell in ihm zum Vorschein. Der Teil von ihm, der gefürchtet oder bewundert wurde, der Teil von ihm, der uns überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hatte. Der Teil von ihm, in den ich mich einst verknallt hatte, ehe ich auch den Rest zu lieben lernte. „Nicht ohne meine Tochter wenigstens ein Mal gesehen, ein Mal im Arm gehalten zu haben.“ Ich sah ihn an und fand in seinem Blick den selben zerbrochenen Ausdruck wie damals, als seine Schwester in seinen Armen gestorben war. Wahrscheinlich gab das den Ausschlag, ich weiß es nicht.

„Vielleicht gibt es einen Weg.“
„Welchen? Ich tue alles.“ Ich wollte es ihm erklären, als draußen für einen winzigen Moment lang Scheinwerferlicht zu sehen war. Es wurde fast sofort ausgeschalten, aber wir hatten es gesehen. So etwas übersah man nicht, wenn man nur lang genug davor geflohen war. Ich sprang auf und rannte zum Fenster. Auf den ersten Blick schien alles wie zuvor, aber ich konnte sie sehen, die dunklen Gestalten, die durch die Schatten schlichen.
„Sie sind hier“, sagte ich tonlos. Ich drehte mich wieder zu ihm um und sah ihn erneut an. Ich beschloss, dass wir es versuchen mussten. Taten wir es nicht, waren wir sowieso tot. „Komm“, wies ich ihn an, bevor ich ihn an der Hand die Treppe hinauf bis aufs Dach zog. Mit den Sternen über unseren Köpfen hätte es romantisch sein können, wäre im Hof nicht gerade der erste Panter vorgefahren. „Vertraust du mir?“, fragte ich.
„Immer“, antwortete Kyle. Ich zeigte mit meiner freien Hand in nordwestlicher Richtung über das Dach.
„Dann renn und spring“, sagte ich.
„Nicht ohne dich.“ Kyle sah mich an und verschränkte die Finger mit meinen. Ich nickte und wir liefen los. Gerade als wir den Rand des Daches erreichten, peitschen die ersten Schüsse durch die Luft. Wir sprangen zwischen die Kugeln, mitten in die Dunkelheit hinein.


 

Mir gehen doch tatsächlich die wirklich "älteren" Geschichten aus für diese Beitragsreihe aus! Deswegen habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: ich habe noch eine Menge "Gedichte", die ich hier posten könnte, unter dem Hashtag  [Poesieoderso] vielleicht, aber eigentlich will ich das nicht. Denn viele davon sind doch ziemlich persönlich oder auch einfach nur schrecklich kitschig und … Spring ein zweites Mal [FlashbackFreitag] weiterlesen

Geistermädchen [FlashbackFreitag]

Ach ja… Mit der Geschichte diese Woche bin ich eigentlich gar nicht mehr so wirklich zufrieden. Denn irgendwie sehe ich es mittlerweile gar nicht mehr als Geschichte – sondern eher als Notizen zu einer Idee, die noch eine ganze Menge offenes Potential hat. Aber ich dachte mir, dass ich sie diese Woche trotzdem mit euch teilen möchte. Deswegen jetzt also… Viel Spaß!


Es fing an als ich noch ein Kind war. Mit vier oder fünf Jahren. Ich bekam Bauchschmerzen, so stark, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Es passierte immer wieder und meine Eltern schleppten mich von Arzt zu Arzt. Doch niemand konnte etwas finden.
Als ich sieben war kam die Trauer. Wenn ich abends allein in meinem Bett lag, musste ich plötzlich weinen. Ich war traurig und verzweifelt, als wäre jemand gestorben, den ich sehr geliebt hatte. Doch es war nie etwas derartiges vorgefallen. Ich wurde älter und lernte, es nicht zu erwähnen – sonst schickte meine Mutter mich zum Psychiater. Also schwieg ich.
Mit neun kamen die Schmerzen im Handgelenk, als wäre es gebrochen. Zeitgleich kam auch das Brennen in meiner Schulter und an meiner Hüfte, wie von einer Schnittwunde. Es war das selbe wie mit den Bauchschmerzen: kein Arzt konnte etwas finden.
Sobald ich elf war, kam der Liebeskummer. Ich fühlte mich, als wäre ich verlassen worden und enttäuscht – ich war verletzt obwohl alle die mir wichtig waren zu mir hielten.

All das passierte immer wieder. In unregelmäßigen Abständen und in unbestimmter Reihenfolge. Ich lernte damit umzugehen und es niemals zu erwähnen. Zu groß war die Scham, wenn andere Kinder zu mir sagten ich sei verflucht. Ich schwieg, verschloss mich gegenüber allem, das von außen auf mich einwirken konnte. Nur gegen das, was in mir drin lauerte, fand ich kein Mittel.
An meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich schließlich mein erstes Flashback. Ich wollte gerade die Kerzen auf dem Kuchen ausblasen, auf den meine Mutter jedes Jahr bestand, als es passierte. Die Ränder meines Blickfeldes verschwammen, alles um mich herum fing an sich zu drehen. Ich wurde in einen Strudel gezogen und für einen kurzen Moment war alles schwarz.
Als ich wieder klar sehen konnte, stellte ich fest, dass ich in einem Bett lag, doch es war nicht mein Bett. Ich sah mich in dem Zimmer um, das ich nicht kannte. Ich trug ein Kleid, das nicht meines war. Und in einem der fünf anderen Betten im Zimmer lag ein Mädchen, dass ich noch nie gesehen hatte. Dann wurde wieder alles schwarz und ich war zurück an meinem Esstisch, zwischen meinen Eltern. Vor mir stand mein Kuchen. Die Kerzen brannten noch. Niemand schien bemerkt zu haben, dass ich für ein paar Sekunden abwesend gewesen war. Ich verlor kein Wort darüber.
Seitdem kamen die Flashbacks immer wieder. Umso älter ich wurde, desto häufiger kamen sie. Es passierte zu den ungünstigsten Zeitpunkten. Während Klassenarbeiten, beim Schlittschuhlaufen, bei meinem ersten und einzigen Schulball. Das erste Mal, war jetzt genau drei Jahre her.
Heute war mein sechzehnter Geburtstag. Der Tag, an dem ich dem Geheimnis um meine zweite Persönlichkeit endlich näher zu kommen begann.


 

Ach ja... Mit der Geschichte diese Woche bin ich eigentlich gar nicht mehr so wirklich zufrieden. Denn irgendwie sehe ich es mittlerweile gar nicht mehr als Geschichte - sondern eher als Notizen zu einer Idee, die noch eine ganze Menge offenes Potential hat. Aber ich dachte mir, dass ich sie diese Woche trotzdem mit euch … Geistermädchen [FlashbackFreitag] weiterlesen

Die Szene, für die mir noch kein Titel eingefallen ist [FlashbackFreitag]

Ach ja, es ist schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich diese Szene geschrieben habe. Ganz unkreativen habe ich sie damals „Anfang einer Geschichte“ genannt. Fällt jemandem von euch vielleicht ein besserer Titel ein?

Ich spürte, wie das Wasser meinen Körper umspielte und die Kälte in mich eindrang. Ich genoss das Gefühl der Stille unter Wasser und die Einfachheit der Schwärze, die mich umgab. Meine Haut begann zu prickeln. Meine Lungen verlangten nach Luft. Ich trat mit den Beinen und tauchte auf.

Über mir am Himmel glitzerten die Sterne. Am Ufer schimmerten die letzten Lichter der Bewohner von Nacomi. Es waren nicht mehr viele, nicht um diese Uhrzeit. Nur hier und da standen noch erleuchtete Kerzen in Arbeitszimmern oder in der ein oder anderen Küche. Es war genau die richtige Zeit für einen Mitternachtssnack.

Ich wussteIch spürte, wie das Wasser meinen Körper umspielte und die Kälte in mich eindrang. Ich genoss das Gefühl der Stille unter Wasser und die Einfachheit der Schwärze, die mich umgab. Meine Haut begann zu prickeln. Meine Lungen verlangten nach Luft. Ich trat mit den Beinen und tauchte auf.

Über mir am Himmel glitzerten die Sterne. Am Ufer die letzten Lichter der Bewohner von Nacomi. Es waren nicht mehr viele, nicht um diese Uhrzeit. Nur hier und da standen noch erleuchtete Kerzen in Arbeitszimmern oder in der ein oder anderen Küche. Es war genau die richtige Zeit für einen Mitternachtssnack.

Ich wusste, dass es gefährlich war Nachts schwimmen zu gehen, aber ich konnte einfach nicht anders. Das Wasser zog mich schon immer magisch an. Als sie noch lebte, hat meine Mutter immer behauptet, ich wäre zur Hälfte Meerjungfrau. Aber schwimmen war nicht nur gefährlich, sondern auch verboten. Wenn ich erwischt würde, würde man mich als Hexe anzeigen. Mit Glück landete ich im Kerker. Unter normalen Umständen auf dem Scheiterhaufen.

Ich hasste dieses Gesetz, aber es hielt mich nicht davon ab, schwimmen zu gehen. Trotzdem war ich vorsichtig, als ich aus dem Wasser stieg, mich abtrocknete und wieder anzog. Ich legte das Handtuch in den Korb, platzierte die Brötchen darüber und holte tief Luft. Dann legte ich das Kopftuch vor und ging nach Hause.

Ach ja, es ist schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich diese Szene geschrieben habe. Ganz unkreativen habe ich sie damals "Anfang einer Geschichte" genannt. Fällt jemandem von euch vielleicht ein besserer Titel ein? Ich spürte, wie das Wasser meinen Körper umspielte und die Kälte in mich eindrang. Ich genoss das Gefühl der Stille unter … Die Szene, für die mir noch kein Titel eingefallen ist [FlashbackFreitag] weiterlesen

Reise ins Traumland [FlashbackFreitag]

Auch heute wandern wir ein ganzes Stück in der Zeit zurück. „Reise ins Traumland“ war eine der ersten „Kurzgeschichten“, die ich geschrieben habe. Vor allem, weil ich üben wollte auf meinem damals neuen Tablet zu tippen. Ich gebe ehrlich zu: heute bin ich eigentlich gar nicht mehr so wirklich zufrieden damit, aber irgendwie gehört halt auch diese Geschichte zu meinem Weg und deshalb in diese Reihe mit hinein. Aber naja, lest selbst.


Ich wachte auf und lag auf dem Boden. Vor meiner Nase die Tischbeine meines Schreibtisches, auf dem meine Kamera lag – griffbereit – wie immer. Wie bin ich auf den Boden gekommen? Ich war sicher, dass ich in meinem Bett eingeschlafen war. Vielleicht schlafwandle ich ja, so wie Granny. Erst letzte Woche war sie in ihrem Gewächshaus aufgewacht, anstatt in ihrem Bett.
Vorsichtig stand ich auf. Mir tat nichts weh, also bin ich zumindest nicht aus dem Bett gefallen. Aber wie bin ich dann auf dem Boden gelandet? Ich sah mich in meinem Zimmer um. Alles wie immer: nichts an seinem eigentlichen Platz außer meiner Kamera. Aber trotzdem stimmte irgendetwas nicht. Irgendetwas war anders. Der Boden! In meinem Zimmer lag ein heller Eichen-Laminat. Das hier war weder Eiche, noch hell, noch Laminat. Das war dunkles Echtholz. Aber wie kamen dann meine Sachen hier her?
Ich sah aus dem Fenster. Das war nicht unser Garten. Und definitiv der Blick aus einem Erdgeschoss, und nicht von meinem Dachfenster. Statt der üblichen, sauber angelegten Blumenbeete meiner Mutter sah ich kräftige Baumstämme, und hohes Dickicht, durch das vereinzelte Sonnenstrahlen fielen. War ich etwa Dornröschen? Denn ich musste mindestens 100 Jahre geschlafen haben, damit dieser Wald gewachsen sein konnte. Mein Herz klopfte wie wild während mir ein dutzend Fragen durch den Kopf gingen und doch kam ich nicht umhin die Schönheit meiner Umgebung zu bemerken. Der Herbstwald leuchtete in Gelb-, Rot- und Orangetönen. Eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen durfte.
Ich schnappte mir meine Kamera und lief aus der Tür. Und landete so prompt in dem Wald, anstatt im Treppenhaus. Vielleicht hatte meine Mutter ja recht und ich wurde wirklich verrückt vom Fotografieren. Das spielte jedoch keine Rolle, wenn sich mir eine so wundervolle Chance bot, meine Mappe zu ergänzen. Ohne zu zögern lief ich tiefer in den Wald hinein.
Schon nach ungefähr Hundert Metern stieß ich auf ein fantastisches Motiv – ein entwurzelter Baum, der eine Brücke über einen winzigen Bach bildete. Ich stellte meine Kamera ein und machte ein Bild. Die Farben waren wunderbar ausdrucksstark und leuchtend. Von der anderen Seite – mit den Wurzeln im Vordergrund, würde es noch besser aussehen. Ich könnte einfach über den Bach springen, oder ich balancierte über den Stamm. Das würde länger dauern und zudem die Gefahr bergen zu fallen – aber auch mehr Spaß machen. Ich hängte mir den Trageriemen meiner Kamera über den Kopf und stieg auf den Baum. Ein, zwei, drei Schritte und ich war drüben. Als ich mit umdrehte um das Bild zu machen, war der Bach jedoch verschwunden. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. Oder ich war tatsächlich verrückt.
Egal, ich stand nämlich jetzt vor einem wunderschönen, kleinen Haus mit Strohdach. Richtig niedlich und perfekt als Haus der sieben Zwerge. Schnell ein Foto, bevor es wieder verschwinden konnte. Es hat sich wirklich gelohnt herzukommen. Eine Nahaufnahme von dem Dach von unten mit dem bunten, aber dann unscharfen Blätterdach würde sich wunderbar in meinem neuen dunklen Bilderrahmen machen, dachte ich. Verstohlen sah ich mich um. Ich hatte schon oft genug Ärger bekommen, weil ich mich auf Privatgelände befunden hatte. Aber das tat ich wahrscheinlich sowieso schon, also machte ich die zwei Schritte auch noch und machte noch eine Aufnahme. Damit war mir ein Platz im besten Fotoworkshop des Landes so gut wie sicher!
Leise drehte ich mich wieder um. Ich war noch immer allein, anscheinend war niemand Zuhause um mich zu erwischen. Umso besser, dann konnte ich noch ein letztes Bild von der Rückseite des Hauses machen.
Ich ging vorsichtig um das Haus herum und duckte mich unter dem Fenster – nur für den Fall, dass doch jemand da war. Hinter dem Haus landete ich in einem wunderschönen Garten. Dieser Wald verlangte mit seinen Motiven ziemlich oft das Wort wunderschön. Wer auch immer mich hierher gebracht hatte – Danke! Noch nie hatte ich so viele perfekte Motive an einem Tag vor der Linse gehabt.
Eigentlich sollte ich wieder gehen, aber dieser Garten… Mit einem schlechten Gewissen betrat ich den Kiesweg und folgte ihm unbehelligt. Anstatt zu einem Gartenhaus oder einem hübschen Rosenbogen (was beides tolle Motive sind), führte er mich zurück zu meinem Zimmer. Ich runzelte die Stirn, aber als ich mich umdrehte, war der Kiesweg verschwunden, inklusive des Gartens. Dann halt nicht. Ich ging wieder hinein und legte meine Kamera wieder auf den Schreibtisch. Um die Bilder jetzt noch auf meinen Computer überzuspielen, war ich definitiv zu müde. Also legte ich mich nur ins Bett und schlief ein.

Ich wachte auf und lag angezogen im Bett. Anscheinend war ich eingeschlafen, bevor ich mich umziehen konnte. Was soll’s. Ich sah aus dem Fenster: unser morgendlicher Garten, samt Teich und nervigem, quakendem Frosch, wahrscheinlich hatte der mich mal wieder geweckt. Die Bilder! Schnell stand ich auf und lief zum Schreibtisch. Meine Kamera lag dort – griffbereit – wie immer. Als ich mir die Bilder von dem mysteriösen Wald noch einmal ansehen wollte, waren sie weg. Nichts, kein einziges gespeichertes Bild von einem umgestürzten Baumstamm oder einem Zwergenhaus. Nichts.
Es war nur ein Traum gewesen. Eine einsame, wünschenswerte Reise ins Traumland. Schade aber auch.

Auch heute wandern wir ein ganzes Stück in der Zeit zurück. "Reise ins Traumland" war eine der ersten "Kurzgeschichten", die ich geschrieben habe. Vor allem, weil ich üben wollte auf meinem damals neuen Tablet zu tippen. Ich gebe ehrlich zu: heute bin ich eigentlich gar nicht mehr so wirklich zufrieden damit, aber irgendwie gehört halt … Reise ins Traumland [FlashbackFreitag] weiterlesen

Ein leerer Mittag [FlashbackFreitag]

Diesen Text müsste ich irgendwann in der 10. Klasse geschrieben haben. Also vor vier Jahren (ich werde echt alt!). Eigentlich ist das nicht so ganz mein Stil, aber damals hatten wir in der Literatur-AG gerade etwas ähnliches behandelt (auch wenn ich nicht mehr weiß, was) und ich hatte Lust es mal auszuprobieren. Und das kam dabei heraus:


Es ist Mittwoch Nachmittag und sie geht wie jede Woche in die Stadt. Normalerweise hat sie Besorgungen zu machen. Entweder für ihre Mutter, oder für sich selbst. Doch heute weiß sie nicht wohin. Ihre Füße sind ruhelos, ihre Gedanken rasen. Schuld ist er. Warum redet er sie plötzlich an? Diese Frage taucht immer wieder auf. Auch, als sie die drei Frauen beobachtet, die gerade die Straße überqueren. Ihr fallen ihre Schuhe auf. Zwei von ihnen tragen das selbe Paar – eine in weiß, eine in rot. Die Dritte trägt pinke Schuhe. Komisch.
Zwei Mädchen kommen ihr entgegen. Zwei Mädchen, die verschiedener nicht sein könnten. Die eine ist schlank, die andere eher kräftig gebaut. Die Erste selbstsicher, die Nächste stiller, unsicherer. Sie lächelt darüber, dass die beiden dennoch befreundet sind.
Zwei Monate lang hat er sie ignoriert – seit er mit ihr Schluss gemacht hat. Was hat sich geändert? Warum hat er seine Meinung geändert? Was will er plötzlich von ihr, wenn er nicht mehr nur nach Hausaufgaben fragt?
Zwei junge Frauen setzen sich ihr gegenüber auf eine Bank. Ihr erster Gedanke: Schwestern. Dann sieht sie, dass die beiden sich dazu viel zu unähnlich sehen. Die eine ist blond, die andere brünett. Eine ist braungebrannt, die andere blass. Eine trägt eine Sonnenbrille im Haar, die ihre großen Augen verdecken könnte. Die Andere hat kleine Augen. Woher kam der Gedanke, dass sie Schwestern waren?
Vielleicht weil sie so gut aufeinander abgestimmt sind. Weil sie so aussehen, als würden sie sich ohne Worte verstehen. So wie sie und er es einst getan haben. Niemand kannte ihn besser als sie. Warum hatte er dann angefangen sie zu ignorieren? Er konnte nichts von ihren Gefühlen gemerkt haben. Nein, da war sie sicher. Also warum?
Sie geht in ein Café und bestellt etwas zu trinken. Als der Kellner weg ist, hat sie schon vergessen was. Sie beobachtet ein Mädchen in ihrem Alter. Sie sitzt in der Ecke und schreibt etwas auf ihren Block. Ihre Hand fliegt nur so über das Papier. Sie fragt sich, wie das Mädchen wohl heißt: Anna? Lisa? Marina? Sie entscheidet sich für Jana. Sie sieht aus wie eine Jana. Blond, klug. Auf dem Tisch steht neben Janas Block ein leerer Eisbecher. Roter Stiel. Nur eine Erdbeere ist noch darin. Die Erdbeere ist rot wie Blut, oder wie seine Lippen. Warum ändert er ständig seine Meinung.

Ich beobachte die Leute um mich herum. Mein Blick kreuzt den eines anderen Mädchens. Sie sieht weg, auch wenn sie nicht ertappt aussieht. Der Kellner bringt ihr ein Wasser, doch sie bemerkt es nicht mal. Sie starrt mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Wahrscheinlich denkt sie nach. Worüber wohl? Als sie den Kopf wieder wendet sehe ich, dass ihre Augen feucht sind. Hoffentlich ist alles in Ordnung. Irgendwie sieht sie verloren aus.
„Man stellte fest, dass…“ Die Mutter am Tisch neben mir hat ein Buch ausgepackt und beginnt ihrer Tochter vorzulesen. Ich wüsste zu gern, was festgestellt wurde, aber ihre Stimme geht wieder im allgemeinen Gemurmel unter. Aber feststellen… Vielleicht könnte ich ja feststellen, was das Mädchen so bedrückte. Vielleicht könnte ich helfen.
Ich packe meinen Block in die Tasche und hänge sie mir über die Schulter. Dann fische ich mit den Fingern die letzte Erdbeere aus meinem Eisbecher und mache mich auf den Weg. Gut, dass ich schon gezahlt habe, als der Becher kam.

Diesen Text müsste ich irgendwann in der 10. Klasse geschrieben haben. Also vor vier Jahren (ich werde echt alt!). Eigentlich ist das nicht so ganz mein Stil, aber damals hatten wir in der Literatur-AG gerade etwas ähnliches behandelt (auch wenn ich nicht mehr weiß, was) und ich hatte Lust es mal auszuprobieren. Und das kam … Ein leerer Mittag [FlashbackFreitag] weiterlesen

Enya, Meerprinzessin [FlashbackFreitag]

Wir bleiben beim Thema der letzten Woche: Märchen und Legenden. Aber wir wandern aus dem All zurück auf die Erde, genauer gesagt: ins Meer.

Viel Spaß!


Es war das 21. Jahrhundert und die Geschichte trug sich im Unterwasserpalast des griechischen Meeresgottes Poseidon zu.

Die Frau des Hausherren, die Göttin Amphitrite und Poseidon waren seit Jahrhunderten nicht mehr gut aufeinander zu sprechen gewesen, da der Gott viele Affären mit sterblichen Frauen hatte. Doch vor neun Monaten hatten die Beiden eine weitere, gemeinsame Nacht zusammen verbracht. Und so kam es, dass an diesem Tage eine Meerprinzessin geboren wurde. Ihr Name sollte Enya lauten und sie hatte die grünen Augen ihres Vaters, sowie das schwarze Haar ihrer Mutter.

Mit den Jahren wuchs das kleine Mädchen zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Doch obwohl sie von allen geehrt und akzeptiert wurde, so fühlte sie sich doch immer ausgeschlossen. Denn sie hatte die Beine eines Menschen.

Der Einzige, der immer zu ihr zu halten schien war ihr Bruder Triton. Als Erbe von Poseidon verstand er es zu schlichten, wenn Vater und Tochter sich stritten. Und als einziger Meermann mit zwei Fischschwänzen schien er auch ihr Problem mit den Menschenbeinen zu verstehen.

Doch hinter dem Rücken aller, wenn er allein in seinen Gemächern war, dann sann er nach dem Tod seiner Schwester, denn er fürchtete um sein Recht auf den Thron. Er war eifersüchtig auf die Schönheit von Enya und auf ihre Anmut. Er fürchtete, dass sie sich bald einen ihrer vielen Verehrer aussuchen würde, ihn heiratete und er den Thron besteigen könnte. Und er hegte all diese Ängste, weil er vergaß, dass er noch immer das Vorrecht auf den Thron hatte.

Und Enya saß während all dieser Zeit in ihrem Zimmer und kämmte ihr Haar. Und wenn sie nicht ihr Haar kämmte, so schärfte sie ihr Messer. Und wenn sie nicht ihr Messer schärfte, so sah sie aus dem Fenster und wünschte sich keine Prinzessin zu sein. Denn Enya wollte den Thron ihres Vaters gar nicht. Und noch weniger wollte sie einen der Meermänner heiraten, die bei ihrem Vater um ihre Hand anhielten.

Im Gegensatz zum Glauben des Volkes war es nicht Enyas Vater, der sie zur Heirat drängte sondern ihre Mutter Amphitrite. Die Königin hatte Angst vor der allzu menschlichen Seite ihrer Tochter. Sie fürchtete Enya an einen Menschensohn zu verlieren. Ihr Vater Poseidon hingegen sah sie noch immer als Kind, als das kleine Mädchen, das er auf dem Schoß wiegen konnte. Er übersah dabei die achtzehn Jahre, die die Beiden bereits miteinander zugebracht hatten.

Und Enya saß in ihrem Zimmer und fragte sich, warum niemand sie fragte, wer sie war. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen – schon lange nicht mehr. Doch sie war auch nicht bereit zu heiraten – nicht ohne jemals geliebt zu haben. Und am allerwenigsten war sie die Prinzessin, die nach dem Thron ihres Vaters trachtete. Doch das wusste niemand, denn niemand fragte sie. Sie wollte keine Prinzessin sein, wollte nicht verhätschelt werden und doch gefangen sein. Sie wollte hinaus in den Ozean und ihr Messer nicht nur als Schmuck tragen. Sie wollte ein Abenteuer erleben und Liebe erfahren. Sie wollte ganz anders sein, wollte so sein, wie ihr Herz war, doch niemand gab ihr jemals die Chance dazu.

Und so saß Enya, die wunderschöne Meerprinzessin, Tag für Tag in ihrem Zimmer und kämmte sich das Haar. Und wenn sie sich nicht das Haar kämmte, so schärfte sie ihr Messer in der Hoffnung, es irgendwann benutzen zu können. Und wenn sie nicht ihr Messer schärfte, so sah sie aus dem Fenster und träumte davon, ein Abenteuer zu erleben.

Und sie erträumte sich allein hunderte von Abenteuern ohne je zu ahnen, dass sie gar nicht allein zu sein bauchte. Denn Enya war nicht die Einzige, die nicht die Chance bekam etwas anderes zu sein. Und niemand wusste, dass alle Meermenschen nur vorgaben etwas zu sein, was sie nicht waren.

Wir bleiben beim Thema der letzten Woche: Märchen und Legenden. Aber wir wandern aus dem All zurück auf die Erde, genauer gesagt: ins Meer. Viel Spaß! Es war das 21. Jahrhundert und die Geschichte trug sich im Unterwasserpalast des griechischen Meeresgottes Poseidon zu. Die Frau des Hausherren, die Göttin Amphitrite und Poseidon waren seit Jahrhunderten … Enya, Meerprinzessin [FlashbackFreitag] weiterlesen