Tote Mädchen lügen nicht

Hannah Baker hat sich umgebracht. Clay Jensen, der heimlich für sie schwärmte, versteht es bis heute nicht. Doch dann erhält er ein Päckchen mit 7 Kassetten und als er sie in den alten Rekorder seines Vaters einlegt, ertönt Hannahs Stimme. Auf den Kassetten will Hannah erklären, warum sie sich umgebracht hat – und zwar direkt denen, die daran Schuld tragen. 13 Personen und Ereignisse haben sie dazu getrieben und Clay soll einer davon sein.

Regel Nummer eins: Ihr hört zu. Nummer Zwei: ihr schickt die Kassetten weiter. Hoffentlich wird euch beides schwer fallen. (Seite 12)

Ich glaube, ich war in der 9. Klasse, als ich „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher zum ersten Mal gelesen habe, also war ich wohl so ungefähr 14 oder 15 Jahre alt und lag damit direkt in der Zielgruppe des Jugendbuches. Obwohl das nun doch schon eine ganze Weile her ist, weiß ich noch ziemlich genau, wie ich das Buch verschlungen habe und mit welchem mulmigen Gefühl ich die Geschichte von Hannahs Selbstmord damals beendet habe. Seitdem habe ich das Buch nicht angerührt, doch die gerade erschiene Serienverfilmung schien mir ein passender Anlass für ein Re-Read zu sein.

Habt ihr die Narben gesehen, die ihr geschlagen habt? Nein, bestimmt nicht. […] Denn die meisten sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. (Seite 71)

Auch dieses Mal konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Schuld daran ist wohl die ungewöhnliche Dynamik der Geschichte, die durch die doppelte Erzählstruktur entsteht: auf der einen Seite ist da Clay, der sich die Kassetten anhört und auf der anderen Seite ist da Hannahs Stimme, kursiv gedruckt, die ihre Geschichte so eindringlich und ehrlich erzählt, dass ich manchmal glaubte sie selbst zu hören. Und sie erzählte zum Teil nicht nur Hannahs Wahrheit, sondern eine Wahrheit viel schmerzhafter und wahrer, eine, die wohl jeder in seiner Jugend irgendwann erlebt hat.

Und da man auf der Highschool ständig beobachtet wird, hat man auch ständig einen Grund, sich zu verstellen. (Seite 96)

Dadurch fühlt man sich sofort mit Hannah verbunden. Man hat das Gefühl sie zu kennen – denn irgendwie ist man sie. Auf der anderen Seite war da bei mir aber auch der Gedanke: ja, ich habe das auch durchgemacht. Ich habe mich deswegen aber nicht umgebracht. Und noch im selben Moment schäme ich mich für diesen Gedanken, denn wer bin ich, zu beurteilen, wie schlimm sich etwas für jemand anderen anfühlt? Dazu habe ich kein Recht, nicht einmal, wenn es sich um eine fiktive Person handelt. Und doch blieb das Gefühl in der ersten Hälfte des Buches bestehen. Es sind zunächst Lappalien, die Hannah auflistet, das sagt sie auch selbst. Doch es sind diese Lappalien, die alles andere ins Rollen brachten – und das hat sie schließlich zum Selbstmord getrieben.

Irgendwann hat man keine Kraft mehr, dagegen anzukämpfen, und beschließt, der Sache ihren Lauf zu lassen. Die Katastrophe … oder was auch immer … zu akzeptieren. (Seite 124)

Das ist der bittere Beigeschmack, den das Buch hinterlässt. Das Bewusstsein, dass es kleine Fehler waren, Fehler, die jeder von uns jeden Tag unbeabsichtigt machen könnte, die Hannah am Ende das Leben kosteten. Und das ist etwas, was uns nicht mehr loslassen sollte, wenn wir die Geschichte einmal gelesen haben. Damit wir bewusster durchs Leben gehen und uns unseren Handlungen bewusster sind.

Deshalb kommst du auf diesen Kassetten vor: Damit du begreifst, dass dein Verhalten andere beeinflusst, so wie es mich beeinflusst hat. (Seite 96)

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist ein Jugendbuch. Es hat nicht einmal 300 Seiten. Es erzählt die Geschichte von Hannah Baker – das es sich also nicht um eine umfassende und mit wissenschaftlichen Fakten hinterlegte Arbeit handelt, ist klar. Das kann und sollte man von dem Buch auch nicht erwarten. Außerdem greift es auch nicht nur das Thema Selbstmord auf, sondern auch die Themen Mobbing, Alkohol, Vergewaltigung und vermutlich noch ein paar mehr, die mir jetzt auf Anhieb nicht einfallen. Das ist manchmal etwas viel für 288 Seiten.

Und so sehr die Ereignisse in Hannahs Leben zum Ende hin doch an Intensität zunehmen, so unverständlich bleiben ihre Motive am Ende zu einem gewissen Grad doch. Bringt sie sich aus diesen Gründen wirklich um? Ja, vielleicht. Wer bin ich, das zu beurteilen? Woher will ich wissen, was ich in Hannahs Situation getan hätte? Man sagt sich, man hätte selbst nicht den Selbstmord gewählt, doch wirklich wissen kann man es nicht. Vielleicht ist das auch gut so.

Doch man kann nicht vor sich selbst davonlaufen. Man kann nicht beschließen, den Kontakt zu sich abzubrechen. Man kann den Lärm in seinem Kopf nicht zum Stillstand bringen. (Seite 177)

Die Serie, die seit Freitag, 31. März, auf Netflix zu finden ist, habe ich gerade erst angefangen. Die ersten zwei Folgen habe ich schon gesehen und bis jetzt habe ich nichts an der Umsetzung auszusetzen. Die Serie fügt weitere Blickwinkel hinzu, erzählt auch, was die anderen Charaktere tun, während Clay sich die Kassetten anhört und wie sie damit umgehen. Im Gegensatz zur Buchvorlage sieht es auch so aus, als ob Hannahs Eltern eine größere Rolle spielen würden. Ich bin sehr gespannt, wie diese Rolle aussehen wird.

Als ich vor Jahren hörte, dass das Buch als Serie umgesetzt werden soll, war ich sofort begeistert von der Idee. Und als es dann auch noch hieß, dass Selena Gomez die Rolle von Hannah übernehmen sollte, konnte ich es kaum erwarten. Denn im Gegensatz zu vielen anderen mag ich Selena Gomez als Schauspielerin sehr gern und konnte sie mir in der Rolle gut vorstellen.

Hannah habe ich mir nämlich immer anders vorgestellt, als so, wie sie in der Serie jetzt dargestellt istt. In meiner Vorstellung war sie ein wenig kleiner, hatte glattes schwarzes Haar und als sie es sich schneiden ließ, dann richtig – so dass nur noch ein Pixie-Schnitt übrig blieb. Woher diese Vorstellung kommt, kann ich nicht sagen und deswegen will ich auch nicht kritisieren, wie Hannah in der Serie dargestellt ist. Katherine Langford, die Hannah spielt, macht ihre Sache ausgezeichnet und erweckt den Charakter in all seinen Facetten zum Leben. Zumindest habe ich bis jetzt diesen Eindruck.

Beeindruckt bin ich außerdem besonders von der Musikauswahl, die die Stimmung in den einzelnen Szenen toll widerspiegelt und verstärkt. Ich kann es wirklich kaum erwarten weiter zu schauen.

Doch alle schauten weg. Niemand fragte, ob ich ein Problem hätte. (Seite 141)

Hannahs Geschichte hat mich definitiv berührt – beim ersten Lesen vor fünf Jahren genau wie dieses Mal. Doch was wirklich betroffen macht, ist das Wissen, dass sich Geschichten wie die von Hannah Baker jederzeit tatsächlich ereignen können – und ereignet haben. Ich erinnere mich daran, dass nach dem ersten Erscheinen des Buches sich im angrenzenden Landkreis tatsächlich ein Mädchen das Leben genommen hat und vorher, genau wie Hannah, ihre Gründe auf Kassetten aufgenommen hat. Womöglich war das sogar nicht einmal ein Einzelfall. Und immer ging es wahrscheinlich auf Ereignisse zurück, die einem zunächst so klein und unbedeutend erscheinen, wie bei Hannah. Ereignisse, die ein jeder beeinflussen kann. Wahrscheinlich gab es meistens sogar auch Warnzeichen wie bei Hannah und alle haben nur weggesehen.

„Tote Mädchen lügen nicht“ rüttelt seine Leser wach. Was wir tun und wie wir miteinander umgehen spielt immer eine Rolle, egal wie klein sie zunächst scheinen mag. Und wir selbst sind dafür verantwortlich, dass unser Name nicht irgendwann auf einer Liste von 13 Gründen einer anderen Person landet. Wegsehen sollte keine Option sein, das macht Jay Asher klar und deutlich.

Stimmt schon, du hast sie nicht vergewaltigt. Auch ich habe sie nicht vergewaltigt. Das hat er getan. Aber du … und ich … wir ließen es geschehen. Es ist unsere Schuld. (Seite 227)

Fazit: Jay Asher greift in seinem Jugendbuch „Tote Mädchen lügen nicht“ viele schwierige Themen altersgerecht auf und baut sie in eine Geschichte ein, die ihre Leser in den Bann zieht und nicht mehr loslässt, selbst wenn einige Charaktere eindimensional bleiben und nur wenige meine Sympathie ernten konnten. Das spielt hier jedoch nur eine untergeordnete Rolle, ist doch die Message des Buches so viel wichtiger und auch noch spannend dargestellt.

Habt ihr das Buch gelesen? Was habt ihr gedacht? Und habt ihr die Serie schon gesehen? Gefällt sie euch auch so gut wie mir? Lasst uns doch zusammen darüber diskutieren!


Zu diesem Beitrag angeregt wurde ich durch die Rezension der lieben Denise auf ihrem Blog Kitsune’s Welt der Bücher.


cbt ·  Taschenbuch, 288 Seiten  ·  9,99 € *
·  Tote Mädchen lügen nicht  ·

*Das ist zumindest die Ausgabe, die ich habe.

Ein Gedanke zu “Tote Mädchen lügen nicht

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