Die längste Nacht

Nach ihrem Abitur will Vita nur eins: weg von Zuhause. Das allein reichte für mich schon aus um mich zum ersten Mal mit der Hauptfigur von „Die längste Nacht“ zu identifizieren. Und dann die Art wie sie es macht: mit ihren zwei besten Freunden, Trixie und Danilo, in einem Bulli quer durch Europa – das war zumindest der Plan. Doch weiter als nach Italien, ihre erste Station, wird Vita nicht kommen. Denn dort trifft sie auf den Seiltänzer Luca, der ihr Herz sofort höher schlagen lässt, aber auch auf die selbe Mauer des Schweigens, vor der sie eigentlich von Zuhause geflohen war. Was wissen diese Menschen über den Tod ihrer Schwester? Und was geschah wirklich, in jener längsten Nacht?

Und irgendwo, in einer anderen Zeit, einer fernen Vergangenheit, erwachte auf dem Rücksitz eines Autos ein kleines Mädchen. (Seite 357)

Schon nach den ersten paar Seiten war ich in Isabel Abedis Geschichte gefangen und verliebt – in Luca, den gutaussehenden Seiltänzer mit dem kastanienbraunen Haar, den karamellfarbenen Augen und dem Hang zur Philosophie. Vita ergeht es nicht anders und schon bei ihrer ersten Begegnung fragt sie sich, wie es wäre ihn zu küssen und die Elektrizität zwischen ihnen ist sofort spürbar. Dieser erste Moment, in dem sich Vita und Luca begegnen: verträumt, vertraut, einmalig, wie das ganze Buch. Sofort ist das romantische Knistern da, man wittert die Art von Insta-Romance, die man eigentlich verschmäht, die hier jedoch doch ein wenig anders verläuft und mich im Innersten berührt hat, mein Herz zum Schlagen brachte und mich sofort an die naiven Träume von der ersten, einen wahren Liebe erinnerte, die man als Teenager so hegt und an die man dann doch irgendwann den Glauben verliert. „Die längste Nacht“ kann es schaffen, diesen Glauben wieder zu beleben.

Er lächelte, aber es war nicht mehr das Jokerlächeln, sondern das andere, das scheue, verletzliche, das mir so tief unter die Haut ging und mich an Stellen berührte, die ich nie zuvor wahrgenommen hatte. (Seite 307)

Das hat mir am besten Gefallen an Isabel Abedis Roman: das verträumte, berührende und die Ehrlichkeit und Intensität der Beziehungen zwischen den Figuren. Dabei geht es jedoch nicht nur um die romantischen Beziehungen, sondern auch um die Beziehungen zwischen Freunden und Familie. Der einzige Punkt, an dem meiner Meinung nach hier etwas verschenkt wurde, war in der Beziehung zwischen Vita und Trixie, die zwar anklingt, für mich jedoch nie greifbar wurde.

Die Geschichte an sich hat mich die ersten zwei Drittel des Buches kaum interessiert. Ich wollte nur mehr Zeit mit den Figuren verbringen. Doch als sie mich dann packte, dann mit voller Wucht, die mich hin und wieder zwang die Luft anzuhalten um die Spannung nicht zu stören. Vitas Drang mehr über ihre Schwester und deren Tod herauszufinden wird mit jeder Seite begreifbarer, so vorhersehbar er auch war. Und spätestens, als man als Leser selbst mehr über Livia erfährt, ist man genau so daran interessiert zu erfahren, was geschah. Denn als Leser erkennt man sich sofort in ihr wieder, als ihre ehemals beste Freundin sie beschreibt:

Aber sie konnte sich stundenlang hinter Büchern verschanzen. Jeden Sommer hat sie ganze Stapel mitgebracht, und wenn sie beim Lesen jemand ansprach, hat sie entweder gar nicht erst den Kopf gehoben oder einen mit glasigen Augen angeschaut. Als ob ihr Geist noch in der Geschichte war. (Seite 317)

Wenige Minuspunkte gibt es meiner Meinung nach für das Ende, das irgendwie zu spät kam. Im letzten Drittel des Buches spürte ich nicht mehr diesen Drang jetzt unbedingt weiterzulesen, der mich zuvor so sehr begleitet hatte. Der Kitsch und Pathos, die mich am Anfang so zum Träumen brachten, stießen mir hier sauer auf und ich war an mancher Stelle kurz davor laut aufzulachen. Und doch war das Ende gut und logisch, auf seine Weise, die eben nur nicht unbedingt die meine war.

Mit Isabel Abedis Schreibstil kam ich (größtenteils) wie erwartet mehr als gut zu recht, denn sein verträumter Unterton und der melodische Klang eines jeden Satzes hat mich sofort in die sengende Sommerhitze Italiens entführt und das Auftauchen in die spätwinterliche Kälte Deutschlands mehr als schmerzhaft gemacht. Mein Lieblingszitat aus dem Buch ist vielleicht nicht das, was jeder nennen würde, das für mich aber eine kraftvolle Wahrheit enthält, die doch nicht die wichtigste ist, die „Die längste Nacht“ zu bieten hat:

Ein Schriftsteller war wie Gott. Das Leben der Figuren lag in seinen Händen, er konnte Kriege entfachen, Tote wieder zum Leben erwecken, Frösche vom Himmel regnen lassen oder das achte Weltwunder erfinden. Es gab nur eine Bedingung, und die wurde ihm mit jedem Tag, an dem er mit dem Weiterschreiben kämpfte, bewusster: Er musste glaubwürdig sein. (Seite 160)

Das eben angesprochene wichtigste Zitat folgt erst gegen Ende der Geschichte und macht sie um so lesenswerter:

„Es gibt so viele Formen von Liebe“, sagte er. „Das ist das Kranke daran. Unser Verstand, der uns glauben machen will, dass Liebe sich in ein Raster sperren lässt. Aber Liebe ist frei, und Liebe bleibt immer Liebe, ganz egal, wem sie gilt.“ (Seite 371)

Auf einer Seite im Buch habe ich mir, vorsichtig und mit Bleistift, aber in Eile bevor ich die Worte vergessen würde, Folgendes notiert. Und besser kann ich „Die längste Nacht“, dass für mich nun „Isola“ von Platz Eins meiner Lieblingsbücher von Isabel Abedi verdrängt hat, nicht beschreiben, nicht empfehlen:

So wahr, so verletzlich, so echt, dass mir die Geschichte auch ohne Worte die Tränen in die Augen getrieben hat. Die Stille einer leeren Seite am Kapitelende war alles, was es gebraucht hat.

Denn Sehnsucht – das lernte ich in jener Nacht – musste nicht schmerzhaft sein. Sie kann unendlich süß und verheißungsvoll sein, sie kann alle Fragen offenlassen und gleichzeitig alles möglich machen, was wir uns wünschen. (Seite 81)


Arena  ·  Hardcover, 408 Seiten  ·  19,99 €
·  Die längste Nacht  ·
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