Alte Wunden [Freitagsfliegen]

Hallo ihr Lieben!

Ich weiß, es ist schon wieder viiiiiiiieeeeel zu lange her, aber dafür gibt es jetzt eine etwas längere Kurzgeschichte mit viel Romantik als Entschädigung. Deal?

Deal. Viel Spaß!


Ich steckte den Kopf zur Schlafzimmertür herein. Das Sonnenlicht fiel durch die hellen Vorhänge auf das große Bett, das beinahe den gesamten Raum einnahm. Mo lag immer noch unter der Decke, stützte sich aber auf seine Ellbogen, als er mich entdeckte und grinste mich an.

„Willst du nicht mal aufstehen?“, fragte ich und kam ganz in den Raum hinein.

Er zuckte nur mit den nackten Schultern. „Ich hab heute nichts vor – weswegen ich ja auch nicht verstehe, warum du schon aufgestanden bist.“
„Vielleicht weil du nach Frühstück gefragt hast?“ Ich verdrehte die Augen, doch das Lächeln verschwand nicht von meinem Gesicht. Ein Teil von mir konnte immer noch nicht glauben, dass er hier war. Bei mir. In meinem Bett. Das war der Teil, der mir das dümmliche Grinsen auf die Lippen zauberte. Denjenigen Teil, der mich fragte, ob das wirklich so eine gute Idee war, ignorierte ich hingegen ziemlich erfolgreich. Er war kaum mehr ein Flüstern in meinem Hinterkopf.

„Ja, aber ich meinte doch nicht jetzt sofort. Essen kann man auch später“, erwiderte Mo und ehe ich mich versah, hatte er die Arme nach mir ausgestreckt und mich an sich gezogen. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel zurück zu ihm ins Bett, seine Lippen fanden meine und der Rest der Welt hörte auf zu existieren. Er küsste mich, als hätte er seit Jahren nur darauf gewartet und ich musste mich daran erinnern, dass wir genau das getan hatten. Dann war er über mir, eine seiner Hände fuhr meinen Körper entlang und fand meinen nackten Oberschenkel. Ich verstand die Aufforderung und schlang das Bein um ihn. Seine Hand fuhr derweil wieder weiter nach oben, schob das T-Shirt hoch, das ich gestern zum Schlafen übergezogen hatte. Er löste die Lippen von meinen und küsste meinen Bauch, sanft, kaum mehr als ein Lufthauch. Dann noch einmal, ein Stückchen höher. Ich legte den Kopf in den Nacken und streckte mich ihm entgegen. Meine Hände hatte ich in seinen schwarzen Locken vergraben, die Augen geschlossen. Ich genoss jede seiner Berührungen, als wäre er mir zum ersten Mal so nah. Aber das war er nicht.

Der Gedanke entlockte mir ein leises Lachen und Mo sah auf.

„Was ist?“, fragte er.

„Nichts. Ich kann nur immer noch nicht ganz glauben, dass du hier bist.“ Er lächelte, rutschte wieder weiter nach oben und legte die Stirn an meine. Ich spürte seinen Atem an meinen Lippen, hatte das Gefühl im warmen Braun seiner Augen zu versinken.

„Ich will nie wieder irgendwo anders sein“, flüsterte er und Gänsehaut überzog meinen Körper. Ich strich mit dem Finger über seine stoppelige Wange, überlegte kurz, was ich darauf erwidern könnte, was er nicht schon wusste. Stattdessen zog ich ihn wieder an mich, küsste ihn und legte alles in den Kuss, was bis vor ein paar Wochen noch unausgesprochen zwischen uns gestanden hatte. Ich presste mich an ihn und hasste den wenigen Stoff, der uns noch voneinander trennte.

Aber noch viel mehr hasste ich die schrille Türklingel, die uns plötzlich unterbrach. Ich wandte den Kopf in Richtung Tür, runzelte die Stirn.

„Ignorier’s einfach“, bat Mo und drehte meinen Kopf wieder zu sich, küsste mich, doch da war es schon zu spät. Mir war längst wieder eingefallen, dass das nicht der Postbote war, der da klingelte.

„Scheiße“, fluchte ich also und schob Mo von mir. „Ich hatte vergessen, dass Sasha heute vorbeikommen wollte.“ Mo blinzelte kurz, dann erst schienen die Worte bei ihm anzukommen. Sofort wich er zurück.

„Deine Schwester steht vor der Tür?“ Ich brachte kaum mehr als ein verängstigtes Nicken zustande, dann sprang ich auf und suchte verzweifelt nach einer Hose.

„Wenn sie mich hier entdeckt, reißt sie mir den Kopf ab“, stellte Mo fest und in seiner Stimme lag echte Angst. Ich war fast ein wenig neidisch, wäre ich nicht so panisch gewesen.

„Nicht nur dir, fürchte ich“, antwortete ich und schlüpfte endlich in meine Jeans, die ich im Klamottenstapel vor dem Schrank gefunden hatte. Dann warf ich Mo seine Sachen zu. „Zieh dich an“, wies ich ihn an. „Wir müssen…“

Es klingelte wieder.

„Ich komme gleich!“, rief ich laut nach draußen, hoffte Sasha würde mich hören und ich hätte mir ein wenig Zeit erkauft. „Kannst du vom Balkon klettern?“ Mo sah mich nur mit hochgezogener Augenbraue an, sein T-Shirt immer noch in der Hand. „Okay, dumme Idee“, gab ich zu. „Dich im Bad verstecken?“ Mo zog sein Shirt über und kam zu mir, er wirkte ruhig, aber vielleicht auch nur, weil ich aufgeregt genug für uns beide war. Sanft legte er eine Hand an meine Wange.

„Vielleicht ist es Zeit“, sagte er nur. Ich schluckte, versuchte mich zu beruhigen und klar zu denken. Es war schließlich nur meine kleine Schwester, nicht der Weltuntergang.

„Bist du sicher?“, fragte ich also. Mo zuckte mit den Schultern. Sein Lächeln verbarg kaum, dass er genauso nervös war wie ich.

„Scheint, als hätten wir sowieso keine Wahl mehr.“ Ich atmete tief durch, schloss die Augen und spürte nur ganz kurz Mos Lippen an meinen. „Wird schon nicht so schlimm werden“, versprach er mir. Ich vermutete, dass er damit auch sich selbst beruhigen wollte. Aber ich schaffte es endlich mich von ihm zu lösen und zur Tür zu gehen.

„Na endlich!“, meinte Sasha, als ich öffnete.

„Sorry“, sagte ich. „Ich hatte vergessen, dass du kommen wolltest.“

„Und?“ Sie kam näher, offensichtlich in der Erwartung, dass ich sie hereinlassen würde, doch ich blieb in der Tür stehen. Sasha runzelte die Stirn.

„Und… ich bin nicht allein.“ Bei diesen Worten hob sie überrascht die Augenbrauen, doch es dauerte kaum eine Sekunde, bis sie den Schock überwunden hatte.

„Uuuh, sag bloß du hast gestern endlich mal einen hübschen Typen aufgegabelt“, flüsterte sie und versuchte an mir vorbei zu schielen. Ich holte ein letztes Mal tief Luft.

„Nicht ganz“, gab ich dann zu und öffnete endlich die Tür weit genug, damit sie hereinkommen konnte. Kaum hatte sie den Flur betreten, blieb sie jedoch wie angewurzelt stehen, denn nun hatte sie Mo entdeckt, der im Wohnzimmereingang stand und jetzt angespannt die Hand hob um ihr zuzuwinken.

„Hi“, sagte er, seine Stimme rauer als sonst. Er schluckte.

„Hi“, erwiderte Sasha und blickte fragend von ihm zu mir. Nur brachte ich kein Wort heraus.

„Ich denke, ich geh dann mal besser“, meinte Mo und kam näher. Er nahm sich seine Jacke und sah mich noch einmal an.

„Ja“, sagte ich viel zu leise. „Wahrscheinlich.“ Ich konnte sehen, dass er kurz überlegte, ob er mich küssen sollte, der Impuls war da. Doch er wandte den Blick von meinen Lippen ab und schob sich ohne weitere Worte des Abschieds zwischen Sasha und mir nach draußen. Vom Gang warf er mir ein letztes nervöses Lächeln zu, dann schloss ich die Tür. Mein Herz schlug viel zu schnell und ich wusste, wie lächerlich das war. Aber Sasha war meine Schwester und ihre Meinung zählte mehr für mich als irgendetwas sonst auf der Welt.

„Seit wann redet ihr beide denn wieder miteinander?“, wollte sie auch prompt wissen. Sie sah mich missbilligend an, die Arme verschränkt. Ich spürte beinahe körperlich, wie ich unter ihrem Blick ein wenig kleiner wurde.

„Du weißt doch, dass er zur Einweihungsparty nach meinem Umzug hier war.“

„Ja, genau wie zwei Dutzend andere, inklusive dem ganzen Rest unserer alten Clique. Das beantwortet meine Frage aber nicht.“

„Er hat sich entschuldigt und… wir haben geredet, danach. Nur ab und zu. Hier und da mal geschrieben.“ Ich ging an Sasha vorbei und setzte mich im Wohnzimmer aufs Sofa, um ihren Blick nicht mehr ertragen zu müssen. Sie folgte mir jedoch. „Mehr war es nicht, aber es hat so gut getan. Es hat so gut getan“, gab ich zu. „Ich bin so froh wieder hier im Ort zu wohnen, wieder Zuhause zu sein, und er war so lange ein Teil davon, das weißt du. Es hat gut getan zu wissen, dass er das irgendwie bleiben konnte. Uns beiden.“

„Und was wollte er dann jetzt hier?“

„Er…“ Ich schluckte. „Er war zum Essen hier.“ Eine Halbwahrheit, keine Lüge, redete ich mir ein.

„Und jetzt ist er gegangen, weil…?“

„Er nicht zum Frühstück hier war“, gab ich endlich zu, schloss die Augen, um ihre Reaktion nicht sehen zu müssen. „Sondern gestern zum Abendessen.“

Ein paar Sekunden vergingen, in denen Sasha die Informationen verarbeitete.

„Er hat hier übernachtet“, stellte sie klar und ich nickte, blinzelte sie vorsichtig an. Ihr Blick fuhr über mein Schlafshirt und die nicht dazu passende Jeans, dann hinüber zur offenen Schlafzimmertür, hinter der man mein zerwühltes Bett erkennen konnte. „Hast du mit ihm geschlafen?!?“, fragte sie dann lauter, als sie vermutlich beabsichtigt hatte.

Meine Stimme hatte sich irgendwo in meinem Magen vergraben, ganz weit unten, wo ich sie nicht erreichen konnte. Also nickte ich wieder nur.

„Ich bringe ihn um“, sagte sie trocken. „Ich bringe ihn um.“ Sie war schon fast aufgestanden, um Mo hinterherzugehen, als ich sie am Handgelenk zurückhielt.

„Es war nicht das erste Mal“, gestand ich krächzend. Das ließ sie innehalten und sie sank zurück auf das Sofa.

„Wie lange?“, wollte sie wissen.

„Ein paar Wochen.“

„Ich dachte es waren nur hier und da ein paar Nachrichten?“, wiederholte sie meine Worte von gerade eben.

„Waren es“, bestätigte ich. „Am Anfang. Aber dann… wurde es mehr.“ Sie nahm meine Hände in ihre.

„Warum hast du mir denn nichts gesagt?“

„Weil ich wusste, dass du es mir ausreden würdest.“

„Natürlich hätte ich es dir ausgeredet. Er hat dir das Herz gebrochen. Zwei Mal.“ Ich schüttelte leicht den Kopf – nicht, um ihr zu widersprechen, sondern um die Erinnerungen loszuwerden.

„Diesmal ist es anders.“ Ich wusste selbst, wie schwach das klang. Wäre ich sie, würde ich mir ja auch nicht glauben. Wäre ein Kerl mit ihr so umgegangen wie Mo mit mir, ich hätte ihn bis ans Ende der Welt gejagt und ihn dann hinunter gestoßen. Wie Sasha es all die Jahre geschafft hatte, ihm nicht einmal eine reinzuhauen (bis auf die eine Ohrfeige damals, aber die zählte nicht wirklich), war mir ein Rätsel. Aber ich wusste, sie hatte es für mich getan.

„Lia…“

„Nein, wirklich“, unterbrach ich sie, versuchte ein Lächeln. „Immerhin kann er mich jetzt berühren – mich küssen – ohne gleich davonlaufen zu wollen.“ Sashas Blick war voller Mitgefühl. Immerhin war sie es gewesen, die mich all die Jahre über aufgefangen hatte. Jedes Mal, wenn Mos und meine Freundschaft dabei war, mehr zu werden und er mich von sich gestoßen hatte. Mit Worten, mit Lügen. Mit anderen Mädchen. Sie hatte es mitbekommen, jedes Mal. „Er hat sich entschuldigt“, nahm ich den Faden wieder auf. „Und mir irgendwann gestanden, dass er eben doch Gefühle für mich hatte. Gefühle für mich hat“, korrigierte ich mich, genau wie Mo vor ein paar Wochen. „Ich weiß, dass es dumm ist und wahrscheinlich masochistisch, aber…“

„Du bist immer noch verliebt in ihn.“ Ich seufzte, nickte. „Wenn er dir noch mal weh tut, breche ich ihm das Genick, das schwöre ich.“

Ich lachte. „Das weiß ich. Und er auch. Deswegen ist er vorher ja so schnell verschwunden.“ Das brachte auch Sasha zum Lachen.

„Na schön“, sagte sie dann. „Erzähl mir alles.“

„Ich dachte, du bist hergekommen, um in Ruhe lernen zu können?“

„Das kann warten. Und jetzt rede.“ Also tat ich genau das.


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