Die Gefahr des Neuen [Freitagsfliegen]

Von außen sah der Zaun ja nicht gerade beeindruckend aus. Grade mal zwei Meter hoch, aus billigem Draht und an manchen Stellen gerade so weit aufgebogen, dass eine übergroße Ratte hindurch gepasst hätte. Wüsste sie es nicht besser, würde Rae vermuten, dass dahinter nicht mehr lag als eine stillgelegte Fabrik oder ein leeres Feld, um das sich niemand mehr kümmerte. Doch sie holte noch einmal nervös Luft ehe sie ihre Hand auf das breite Tor legte. Unter ihrer Berührung schien sich das Metall kurz zu erwärmen, ein warmes Leuchten ging von ihren Fingern aus und verschwand wieder. Entschieden stieß Rae das Tor auf und schritt hindurch, ehe jemand sie daran hindern konnte.

Von innen bot sich ihr ein ganz anderer Anblick. Vor dem Tor war es bewölkt und neblig gewesen, doch hier schien auf einmal die Sonne. Der Rasen war fast schon unnatürlich grün, der glitzernde Bachlauf, der mitten durch das Areal führte, plätscherte idyllisch und glitzerte so sehr, dass es fast blendete. Malerische Hütten waren scheinbar zufällig auf dem ganzen Gelände verteilt, mit Strohdächern und Holzfassaden sahen sie aus, als kämen sie direkt aus einem Märchenbuch. Die Idylle wurde jedoch ein wenig gestört vom Lärm eines Kampfes der vom Wind zu Rae getragen wurde. Sie hörte das Grölen der Zuschauer und die bellenden Anweisungen eines Trainers.

“Name?”, erklang eine gelangweilte Stimme neben ihr und Rae wandte sich um. Gleich neben dem Tor, das von innen auch sehr viel malerischer war als von außen – ganz ohne Rost, dafür mit verschnörkelten Intarsien – stand ein großes Hauptgebäude, aus dessen Schornstein weißer Rauch in den makellos blauen Himmel aufstieg. Auf der Veranda davor saß ein langweilig dreinblickender junger Mann vor einem Laptop und wartete auf ihre Antwort.

“Karrae O’Hara. Ich bin…”

“Die Neue, ja schon klar.” Mit einem Seufzen tippte er ihren Namen in den Computer. “Hütte 21a. Den Hauptweg runter, links, die zweite Rechts und dann die Hütte ganz am Ende. Deine Sachen sind schon dort. Sobald du ausgepackt hast, solltest du dich bei deinem Tutor melden, Pammon Utley. Sein Büro ist in Gebäude C3, den Hauptweg entlang rechts, zweimal links, dann wieder rechts. Steht groß drauf. Trödeln kann er nicht leiden.” Rae starrte den Kerl sprachlos an. Sie hatte noch nie jemand mit so monotoner Stimme sprechen hören. Von den Infos hatte sie sich quasi gar nichts merken können, aber der Typ schien nicht gewillt sich noch weiter mit ihr abzugeben. Ehe sie sich jedoch abwenden und hoffnungslos verlaufen konnte, rief jemand anderes ihren Namen.

“Rae!” Tammiel kam aus dem Haupthaus gelaufen und sprang behände die Stufen der Veranda herunter. “Na endlich! Ich hatte schon Angst wir müssten einen Suchtrupp nach dir ausschicken. Wäre ja nicht das erste Mal.” Sein breites Grinsen offenbarte die blendend weißen Zähne, seine blauen Augen schien noch intensiver zu leuchten, als Rae es in Erinnerung hatte. Zu allem Überfluss trug er auch noch kein Shirt und es kam ihr so vor, als wären seine Muskeln noch ein wenig definierter geworden, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte. Falls das überhaupt möglich war. Oh, und dann war da natürlich auch noch die Tatsache, dass aus seinem Rücken nun zwei riesige weiße Flügel sprossen, die Rae so gut sie konnte versuchte nicht anzustarren. Sie zwang sich genervt die Augen zu verdrehen.

“Jetzt übertreibst du aber”, brachte sie heraus und Tammiel lachte nur. Sie waren zusammen aufgewachsen – er mit seiner Familie in der rechten Hälfte ihres Reihenhauses in der langweiligsten Vorstadt der Welt, sie in der linken. Seine kleine Schwester Nadja war Raes beste Freundin, hatte sich zu ihrem Leidwesen aber gegen die Ausbildung entschieden und wollte stattdessen lieber ihr menschliches Leben behalten. Rae vermisste sie jetzt schon ganz schrecklich. Tammiel hatte sie das letzte Mal am Anfang der Sommerferien gesehen, als er für ein paar Tage seine Eltern besucht hatte. Das war kurz vor seiner Abschlussprüfung gewesen und er hatte Rae damals erzählt, dass er auch danach noch hier bleiben und als Übungsleiter arbeiten würde. Sie hatte gewusst, dass sie ihm begegnen würde, aber wirklich darauf vorbereitet war sie nicht.

“Ach, komm her, Kleine. Ich bin doch nur froh dich zu sehen.” Er umarmte sie so fest, dass ihre Füße kurz vom Boden abhoben und sie sich fühlte wie ein Kind. Eine sehr nervige Angewohnheit und sie war sich sicher, dass er es auch nur machte um sie zu ärgern. Doch jetzt gerade musste sie sich sehr viel Mühe geben, nicht daran zu denken, dass es nur ihr dünnes T-Shirt war, dass ihre Körper voneinander trennte.

“Hey, Irin. Hast du sie schon auf die schwarze Liste gesetzt?”, rief er dem gelangweilten Kerl am Schreibtisch zu, als er sie wieder abgesetzt hatte. “So wie ich sie kenne, landet sie da sowieso bald.”

“Halt die Klappe!”, beschwerte Rae sich, ehe der Schlafwandler aus seiner Apathie aufwachen konnte und schlug spielerisch nach Tammiels Arm. Doch er fing ihren Hieb problemlos ab und lachte wieder nur.

“Da, siehst du? Ich kann förmlich hören wie schwarze Sandkörner in deine Uhr rieseln. Nach einem ausgebildeten Engel schlagen? Ts, ts, ts. Das gehört sich wirklich nicht, junge Dame.” Rae entzog ihm ihre Hand und hoffte, die Röte, die ihr in die Wangen stieg, kam von ihrer Wut. Doch, ja, die kam ganz sicher von ihrer Wut.

“Ist mir doch egal, ob du ein Engel bist. Du bist trotzdem ein Arsch.” Theatralisch fasst Tammiel sich an die Brust, doch das Bild wurde leider von seinem nach wie vor breiten Grinsen zerstört.

“Autsch, das trifft mich jetzt aber wirklich”, sagte er, bevor er wieder nach ihrer Hand griff. “Komm, ich bring dich zu deiner Hütte.” Rae entzog ihm ihre Finger – purer Selbstschutz. Das Kribbeln, dass die Berührung nämlich durch ihren Körper gejagt hatte, konnte sie wirklich nicht gebrauchen.

“Nur keine Mühe, ich finde den Weg schon allein”, erwiderte sie zischend, was schlichtweg gelogen war. Sie hatte sogar die Hüttennummer bereits wieder vergessen. Trotzdem stapfte sie einfach mal los. Tammiel hingegen ließ sich davon nicht abschrecken und ging einfach neben ihr her. Sie konnte nicht anders – aus dem Augenwinkel betrachtete sie seine Flügel. Aus der Nähe waren die Federn gar nicht blütenweiß, sondern hatten hier und da kleine graue oder beige Punkte, jede war einzigartig, aber nur gemeinsam ergaben sie ein einheitliches Bild. Und sie sahen so unfassbar weich aus. Unwillkürlich ballte Rae die Hände zur Faust, als ob das den Wunsch unterdrücken könnte, sie zu berühren. Gott, sie hatte sich den ganzen Sommer schon dafür gehasst, wie sehr sie Tammiel vermisst hatte – dabei hatte er nicht einmal irgendwas besonderes getan. Er war einfach nur da gewesen und irgendwie hatte das dieses Mal etwas mit ihr gemacht, was ihr vorher noch nie aufgefallen war. Das durfte er aber natürlich auf keinen Fall wissen. Nicht einmal Nadja hatte sie es anvertraut und heimlich gehofft, das Gefühl würde wieder verschwinden, wenn sie ihn erst mal wieder sah und sich verhielt wie ein Idiot. Aber stattdessen ging sie neben ihm her und starrte ihn an.

Unwillkürlich wandte sie den Blick ab und strafte ihn mit Schweigen. Vielleicht würde er ja doch noch verschwinden.

“Hey, Rae”, begann er nach ein paar Metern jedoch leise und seine Stimme klang auf einmal sehr viel ernster als sonst. Als sie zu ihm aufsah, blieb er stehen und Rae hielt automatisch ebenfalls an. “Bitte versprich mir, dass du vorsichtig sein wirst”, bat er. Sein intensiver Blick machte irgendwas mit ihren Lungen. Sie schienen die Luft gar nicht mehr richtig aufzunehmen. Nicht in der Lage zu antworten, zog Rae einfach nur eine Augenbraue nach oben. “Ich meine das ganz ernst”, sprach Tammiel weiter. “Ein paar der Jungs hier haben die schlechte Angewohnheit, den Neuen… verschwinden zu lassen.” Bei seinem Tonfall war klar, dass er kein einfaches Versteckspiel meinte. Im Camp wurden sowohl Engel als auch Dämonen ausgebildet. Die meisten, die hier ankamen, wussten wie Rae am Anfang noch nicht, welcher Weg für sie vorhergesehen war. Einige aber kannten ihr Schicksal bereits und verhielten sich oft entsprechend. Konflikte waren vorprogrammiert – genau deshalb war das Camp ja die perfekte Vorbereitung für das Leben danach.

“Auch wenn der Neue ein Mädchen ist?” Endlich hatte Rae ihre Stimme wiedergefunden, auch wenn sie seltsam krächzend klang.

Besonders, wenn es ein Mädchen ist.” Sie wollte erst etwas erwidern wie “Klingt doch spaßig, worauf warten wir noch?”, doch Tammiel machte keine Scherze. Er klang als wäre er ehrlich besorgt, fast schon so, als hätte er regelrecht Angst um sie. Als Rae gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, trat Tammiel noch einen Schritt an sie heran. Nur wenige Zentimeter trennten sie voneinander, Rae spürte seinen Atem auf ihrer Haut, atmete tief seinen vertrauten Geruch nach dunklem Wald und Zitrone ein. “Rae, ich…”, begann er flüsternd, doch ein lautes Rufen unterbrach ihn.

“Tammiel!”, schrie jemand zu ihnen herüber und sie wandten gleichzeitig den Kopf. Ein weiterer Engel – der aber zum Glück ein T-Shirt trug – kam wild winkend aus einer der Hütten in der Nähe gelaufen. “Ich brauch mal deine Hilfe mit den Kids!” Tammiel runzelte verstimmt die Stirn, doch Rae nutzte den Moment und trat wieder zurück. Ihr Herz klopfte wie wild, so stark, dass sie fast sicher war, man müsste es eigentlich von außen sehen können. Zur Sicherheit verschränkte sie die Arme vor der Brust.

“Die Pflicht ruft”, sagte sie und Tammiel sah zurück zu ihr.

“Jetzt gleich!”, schrie der andere Typ zu ihnen herüber und Tammiel seufzte. In seinem Blick lag eine Traurigkeit, die sie von ihm gar nicht gewohnt war. Ohne Vorwarnung hob er plötzlich die Hand und strich ihr mit den Fingern über die Wange. Raes Herz fiel aus seinem schnellen Rhythmus, blieb einfach stehen. Ihr ganzer Körper verkrampfte zu einer Statue.

“Versprich mir, dass du vorsichtig bist. Versprich es mir”, bat Tammiel erneut. Sein glasklarer Blick schien sie durchbohren zu wollen, fraß sich direkt in ihre Seele und setzte sich dort fest. Rae konnte nichts anderes tun als zu nicken und schon wandte Tammiel sich von ihr ab und rannte hinüber zu dem anderen Typen ohne sich noch einmal umzudrehen.

Rae blieb an Ort und Stelle stehen und versuchte erst einmal ihr Gefühlschaos in Ordnung zu bringen, Fuck, sie musste das echt in den Griff kriegen.

Doch wenn stimmte, was Tammiel sagte – und sie hatte keinen Grund daran zu zweifeln – dann war das noch ihr kleinstes Problem. Denn unauffällig und vorsichtig zu sein, zählte eigentlich nicht gerade zu ihren Talenten.


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