Ein Ballett zu Weihnachten [Freitagsfliegen]

Die Stadt der Lichter – nie traf diese Bezeichnung so sehr zu wie in der Weihnachtszeit. Im Sommer war Paris überlaufen mit Touristen, es war viel zu heiß und abends wurde es so spät dunkel, dass man fast nichts von den Lichtern sah, die das Stadtbild ja angeblich so sehr prägten. Im Winter jedoch, wenn schon am Nachmittag die Straßenbeleuchtung anging, wenn das Licht sich gedämpft über die Häuser legte und alles ein wenig gemählicher und stiller war, dann verdiente die Stadt ihren Namen erst so richtig.

Und dieses Weihnachten besonders. Denn wie durch ein Wunder hatte es zum ersten Mal seit über 10 Jahren Schnee gegeben in Frankreichs Hauptstadt, der das sowieso schon märchenhafte Stadtbild noch traumhafter erschienen ließ. Die Zeit schien fast ein wenig still zu stehen, während die dicken, weißen Flocken zu Boden segelten und die grauen Straßen bedeckten.

Als es klingelte, holte ich noch ein letztes Mal tief Luft und setzte mir meine hübscheste Mütze auf. Ich trug meine guten Winterstiefel, mein bestes Kleid und meinen eleganten schwarzen Mantel. Ich hatte nicht viele schöne Sachen aus Deutschland mitgebracht, immerhin war ich gekommen um auf kleine Kinder aufzupassen und hatte nicht damit gerechnet, dass jemand mich in die Oper einladen würde. Dafür war ich doch ganz stolz auf mein Spiegelbild, als ich ihm einen letzten Blick zuwarf, ehe ich mich die vier Stockwerke auf den Weg nach unten machte.

Luc erwartete mich lächelnd. Ich begrüßte ihn mit den typischen Bises, die mir zwar nach drei Monaten sehr natürlich vorkamen, bei denen ich mich aber ausgerechnet bei ihm immer besonders ungeschickt und deutsch anzustellen schien.

„Du siehst fantastisch aus“, versicherte er mir und ich spürte bereits, wie mir die Röte in die Wangen schoss. Aber das lag sicher nur an der Kälte.

„Dankeschön“, erwiderte ich höflich und hakte mich in dem Arm unter, den er mir galant anbot. Ich hatte Luc zufällig kennengelernt, als ich mit meinen zwei Frechdachsen im Park gewesen war und Thomas, der Ältere, beim Spielen aus Versehen in Luc hineingelaufen war. Dabei hatte er sich natürlich seinen Kaffee über das gute Hemd geschüttet, ich mich tausendmal entschuldigt, angeboten ihm ein neues zu zahlen – was er vehement ablehnte, immerhin gab es ja Waschmaschinen – und wir uns schließlich zumindest mal auf einen Kaffee geeinigt hatten, den ich ihm ja erstatten könnte. Aber doch bitte nicht heute, er sei schon spät dran, aber wenn ich ihm meine Nummer gäbe, würde er mir schreiben, wenn er Zeit hat. Hatte er auch getan. Und tja, irgendwie hatte ich bei dem Gespräch wohl erwähnt, dass ich schon seit ich klein war davon geträumt hatte mal ein klassisches Ballett zu sehen und nur ein paar Tage später hatte Luc von Gott-weiß-woher zwei Logenplätze für die diesjährige Weihnachtsaufführung in der Opéra Garnier ergattert und bestand darauf mich mitzunehmen.

Wir nahmen die Métro bis Opéra und kamen direkt an dem wunderschönen Platz heraus. Der Verkehr war wie immer grauenvoll und ich fragte mich mal wieder, wie nicht jeden Tag dutzende Fußgänger in Paris tödlich verunglückten, aber allein schon dieses Gebäude. Ich schmolz beim Anblick dahin. Majestätisch trotzte es dem Wetter, angestrahlt von hunderten Strahlern glänzten die goldenen Details auf dem Dach in der Dunkelheit. Elegante Säulen wanden sich die Wände nach oben, schufen Arkaden vor dem Balkon und mündeten unter den angebrachten Wappen Napoleons. Zwischen den vielen Eingängen am oberen Ende der großen Treppe standen griechische Statuen unter den Porträts bekannter Komponisten wie Bach und Rossini. Und das war nur das Äußere.

Als wir die große Eingangshalle betraten, blieb mir für eine Sekunde die Luft weg. Soweit das Auge reichte, war alles aus Marmor. Die große, geschwungene Treppe, die sich im ersten Stock nach rechts und links aufteilte, die stuckverzierten Wände, die hinaufführten an die Decke das geschmückt wurde von einem wunderschönen Gemälde. Riesige Kronleuchter erhellten den Saal und ich hatte sofort das Gefühl, in der Zeit zurückgereist zu sein.

Luc führte mich hinauf in den zweiten Stock, wo uns eine nette Dame unsere Loge aufschloss und uns unsere Plätze zeigte – erste Reihe, direkt gegenüber der Bühne. Sie mussten ein Vermögen gekostet haben. Luc nahm mir meinen Mantel ab, während ich staunend den Saal in mich aufsog. Wenn überhaupt möglich war er noch atemberaubender als der Rest des Gebäudes. Alles schien aus Gold oder rotem Samt gemacht und allein die Aufschrift „Anno 1669“ über der Bühne flößte mir gewaltigen Respekt ein. Der riesige Kronleuchter in der Mitte, der alles in goldenes Licht tauchte, tat sein übriges und auf einmal verstand ich, warum es so eine große Sache wäre, wenn das Phantom der Oper ihn in die Menge fallen ließe. Das Ding könnte locker zwanzig Menschen unter sich begraben. Mindestens.

„Gefällt es dir?“, fragte Luc als er sich wieder neben mich setzte. Für den Moment konnte ich einfach nur nicken. Ich liebte den Louvre und ich war verdammt beeindruckt gewesen von Versailles – doch die Opéra Garnier schlug beide noch einmal um Wellenlängen. Ich wollte jetzt schon nie wieder weg. Luc begann mir Anekdoten aus der Geschichte des Palais zu erzählen und wiederholte für mich noch einmal den Inhalt des Stückes, das wir uns ansehen würden, bevor es auch schon losging. Die Lichter im Saal gingen aus, ein letztes Husten war aus dem Publikum zu hören, ehe es für einen Moment mucksmäuschenstill wurde bevor die Musik einsetzte. Der Vorhang hob sich.

Das Stück handelte von der jungen Bürgerlichen Adeline, die das Objekt der Begierde vieler Verehrer war, doch sie fand sie alle langweilig. Bis sie bei einem Theaterstück den jungen Théodore kennenlernte. Weit unter ihrem Stand, verliebte sie sich jedoch auf der Stelle in ihn, so wie er sich in sie. Sie lud ihn ein den Sommer mit ihr auf dem Land zu verbringen und für ein paar Wochen konnte nichts die Beiden trennen. Adelines Vater jedoch war gegen die Liaison. Als der Herbst kam, verlangte er von ihr, sie solle sich endlich von ihm trennen und sich einen angemessenen Ehemann suchen. Adeline weigerte sich, würde lieber auf ihr Erbe und den Reichtum verzichten und dafür mit Théodore zusammen sein. Doch ihr Vater blieb hart und nahm sie einfach zurück mit nach Paris.
Dort schilderte sie ihr Leid ihrer jüngeren Schwester, die sie dazu ermunterte, doch einfach davonzulaufen mit Théodore – und genau das tat Adeline. Sie ging zurück zu ihm aufs Land und sosehr sie sich freute bei ihm sein zu können, wurde sie ihrer Tage nicht mehr froh. Sie vermisste ihren Vater, ihre Familie und fühlte sich schrecklich, weil sie ihrer Pflicht als guter Tochter nicht gefolgt war. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, hinterließ Théodore einen wagen Abschiedsbrief und ging zurück nach Paris.
Théodore glaubte, er wäre nicht gut genug für Adeline gewesen, wollte sich jedoch noch lange nicht geschlagen geben. Monate vergingen, in denen er sich in der Pariser Gesellschaft nach oben arbeitete, bis er Adeline auf einem Ball erneut begegnete.
Mittlerweile war er selbst zu einem angesehenen Mitglied der Gesellschaft geworden und ein umschwärmter Junggeselle, doch er hätte für keines der Mädchen auch nur einen einzigen Blick übrig gehabt, wenn Adeline ihn auch nur ein Mal angesehen hätte. Doch sie ignorierte ihn. Verletzt ertränkte Théodore seinen Kummer im Alkohol und nahm eine der jungen Frauen, die ihn umschwärmten am Abend mit in sein Bett. Angewidert von dem, was er getan hatte, warf er sie am Morgen hinaus, doch da war es schon zu spät.
Adeline, die einfach viel zu überrascht gewesen war ihn zu sehen und nicht in Anwesenheit ihres Vaters mit Théodore hatte sprechen wollen, hörte davon und der Kummer machte sie krank. So krank, dass sie spürte, dass ihr noch sehr wenig Zeit blieb – und die wollte sie mit Théodore verbringen, ganz egal, was er getan hatte. Sie ging zu ihm, schüttete ihm ihr Herz aus und er ihr das seine und sie verbrachten die Nacht gemeinsam. Doch Adeline floh, bevor Théodore aufwachte. Sie schrieb ihm einen letzten Brief, in dem sie noch einmal ihre Liebe gestand, dann starb sie.

Ich konnte während der gesamten drei Stunden meinen Blick nicht von der Bühne lösen. Es war noch so viel schöner, als ich es mir ausgemalt hatte und am Ende flossen auch ein, zwei Tränen über mein Gesicht. Luc fragte mich, wie es mir gefallen hatte und zum ersten Mal schien es mir, als ob mein Französisch nicht gut genug wäre um auszudrücken, wie magisch es sich tatsächlich für mich angefühlt hatte.

Wir verließen die Oper und gingen noch ein wenig auf den nächtlichen Straßen spazieren. Wir betrachteten die wunderschöne Beleuchtung der großen Alleen und die zauberhaften Schaufenster der Galeries Lafayettes. Dabei unterhielten wir uns die ganze Zeit: über das Stück, über Musik, über Weihnachten und komische Familientraditionen. Er fragte mich, ob ich mich freute meine Familie über die Feiertage wiederzusehen und ich gestand zum ersten Mal jemandem, wie viel Heimweh ich tatsächlich hatte.

Es war weit nach Mitternacht, als Luc mich wieder vor meiner Haustür ablieferte. Ich bewohnte ein eigenes, winziges Zimmer unter dem Dach eines typischen Pariser Gebäudes, nur ein paar Meter von der Wohnung meiner neureichen Gastfamilie. Nervös schloss sich meine Faust um die Schlüssel in meiner Tasche.

„Danke fürs Nachhausebringen“, sagte ich. „Und überhaupt für den tollen Abend“, fügte ich auch schnell an.

„Sehr gerne“, erwiderte Luc lächelnd. Oh Gott, dieses Lächeln. Ich war doch als Au-Pair nach Paris gekommen, um wegzukommen von diesem ganzen gefühlsduseligen Scheiß. Aber dann hatte ich Luc kennengelernt, er hatte gelächelt und – naja, das war’s dann. Ich verfluchte das Kribbeln in meinem Magen, doch ich kam nicht dagegen an. „Gute Nacht“, meinte Luc und verabschiedete sich wieder wie gewohnt – Küsschen links, Küsschen rechts. Wie es die Franzosen eben so machten. Ich wandte mich um, zog schon den Schlüssel aus der Tasche und hielt dann doch noch einmal inne. Fast wünschte ich mir einen Mistelzweig herbei, den ich als Ausrede benutzen könnte.

„Luc!“, sagte ich und drehte mich schnell wieder zu ihm um. Ich erschrak fast ein wenig, als er immer noch direkt hinter mir stand und wartend die Augenbrauen hochzog. Bevor mich mein Mut verlassen konnte, küsste ich ihn. Keine Ahnung wie er es machte auch nach einer Stunde spazieren in der kalten Winternacht so warm zu sein. Er erwiderte mein Kuss ganz sanft, zog mich jedoch an sich, sodass ich beinahe von der kleinen Stufe vor meiner Tür heruntergefallen wäre. Ich legte ihm die Arme um den Hals und vergrub die Finger in seinem dunklen Haar. Hitze durchflutete mich während Luc mich küsste bis mir die Luft wegblieb.

„Frohe Weihnachten“, flüsterte ich schließlich, als wir uns wehmütig voneinander lösten.

„Frohe Weihnachten“, antwortete Luc ebenso leise und ich spürte sein Lächeln, als er mir noch einen weiteren kurzen Kuss auf die Lippen drückte. „Bis nächstes Jahr, ma belle.“

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.