Wolkenschloss – Kerstin Gier [Rezension]

Jaja, ich habe es jetzt auch endlich mal geschafft dieses Buch zu lesen und oh je… Ich habe eine ganze Menge Gedanken. Ein paar von euch haben es vielleicht bei Instagram schon mitbekommen, aber ich bin sehr zwiegespalten was Kerstin Giers Wolkenschloss angeht. Denn teilweise war es einfach nur großartig und teilweise… naja. Das will ich euch ja jetzt hier erzählen.

Ein Tag musste nicht perfekt sein, um in guter Erinnerung zu bleiben.

Seite 250

Die 17-jährige Fanny Funke hat die Schule abgebrochen und macht nun ein einjähriges Praktikum im Luxushotel Wolkenschloss in den schweizer Alpen. Als zum großen VIP-Silvesterball so richtig Action aufkommt, wird sie mitten hineingezogen in ein Chaos zwischen amerikanischem Zickenkrieg, mysteriös gutaussehenden Typen, einem unfassbar wertvollen Collier und knisterndem Verliebtsein. Fanny muss versuchen sich noch irgendwie zurecht zu finden – wenn möglich, ohne dabei ihren Job zu verlieren.

Eine gute Ohrfeige ist manchmal besser als ein schlechter Kuss.

Seite 227

Erst mal will ich all die Dinge ansprechen, die einfach nur fantastisch waren. Kerstien Gier ist ja bekannt für ihren locker-leichten, oft witzigen Schreibstil und ihre Gabe mit einfachen Worten ausgefeilte Bilder in die Köpfe ihrer Leser zu setzen. Das schafft sie auch mit dem Wolkenschloss, ganz ohne Zweifel. Vor allem das Setting stach für mich heraus.
Das Hotel ist für Fanny und damit für den Leser ein wunderbar magischer Ort voller Geheimnisse und winterlicher Schönheit. Man sollte das Buch wirklich zu Weihnachten lesen, denn zu keiner anderen Jahreszeit würde es sich so richtig anfühlen.  In jeder Zeile habe ich das gesamte Hotel und seine Umgebung vor meinem inneren Auge gesehen und ich würde echt alles geben, um dort ein paar Tage verbringen zu können.

Meine Mutter mit ihrem Halt dich gerade, Amy, steck deine Nase nicht immer nur in ein Buch, Amy, du musst dich auch mal amüsieren, Amy

Seite 157

Auch einige der Figuren konnten mich begeistern. Allen voran die fünfzehnjährige Amy, die mit ihrer Großfamilie aus den USA für die Ferien ins Hotel kommt. Ganz ehrlich, sie ist einfach mein neues Spirit-Animal und ich wäre unfassbar gerne mit ihr befreundet.

Amy verdrehte die Augen. „Das ist es wohin rosa Tüll und lila Glitter führen. Über die Liebe zu einem bösen Jungen auf direktem Weg ins Grab der Emanzipation.“

Seite 264

Die meisten anderen Charaktere fand ich da schon sehr viel problematischer.  Viele haben sich für mich eindimensional angefühlt, ohne Geschichte, ohne wirklich glaubhaften Charakter. Klar, bei so vielen handelnden Personen wie im Wolkenschloss können kaum alle die selbe Aufmerksamkeit für sich beanspruchen und an mancher Stelle hat es auch zu dem märchenhaften Gefühl beigetragen, dass mich während dem Lesen meist begleitet hat. Aber oft fand ich die Charaktere dadurch langweilig. Sie konnten nichts neues an den Tisch bringen, als bekannte Archetypen wiederzukauen. Was teilweise sogar für die Hauptcharaktere, wie den gutaussehenden Tristan Brown galt.

Tristan schien nichts und niemanden erst zu nehmen – außer sich selbst. Wobei ich mir bei Letzterem auch nicht ganz sicher war.

Seite 173

Im Kampf um Fannys Aufmerksamkeit musste er sich mit dem ach-so-netten Sohn des Hotelbesitzers, Ben, messen. Ich hasse Dreiecksgeschichten, die so aufgesetzt werden. Zwei perfekte Typen, die wahnsinnig toll aussehen, hinter denen alle Mädels her sind und die das auch genau wissen, interessieren sich ganz plötzlich nur für unsere tollpatschige Protagonistin. Meh, einfach nicht meins. Ich muss allerdings sagen, dass ich schlussendlich fand, Kerstin Gier hat das sehr gut aufgelöst – unter anderem, weil Fanny in ihrer Wahl niemals zögert. Oder auch nur in Erwähnung zieht zu zögern, was ich rückblickend irgendwie erfrischend fand. 

Ich hatte mein blödes Herz nicht verloren, es lag auch nirgendwo herum, nein, es klopfte wie wild in meiner Brust herum und tat entsetzlich weh.

Seite 330

Ich habe auch wirklich mit Fanny mitgefiebert – also, irgendwie. Denn auf den ersten 300 Seiten passiert eigentlich nicht so viel Spannendes. Der schlussendliche Konflikt wird überhaupt erst ab Seite 250 etwa zum ersten Mal angeschnitten. Alles vorher ist nur Set-Up – aber trotzdem ganz nett zu lesen, denn es gibt uns Gelegenheit, die Charaktere kennenzulernen.
Mein Problem war nur, dass ich das Gefühl hatte, ganz viele von ihnen schon zu kennen. Und zwar aus der Edelsteintrilogie. Und vielleicht ist es nicht fair von mir, das Wolkenschloss mit diesem Meisterwerk zu vergleichen und das wollte ich eigentlich auch gar nicht – aber der Vergleich hat sich mir einfach aufgedrängt. Eine Heldin wider Willen in einem Setting, das ein wenig aus seiner Zeit gegriffen scheint, mit lauter gutaussehenden und reichen Menschen um sich herum… Und wenn hier irgendwer versucht mir zu erzählen, dass Monsieur Rocher nicht eins zu eins der selbe Charakter ist wie Mr. George und Delia nicht Leslie, dann braucht er wirklich wirklich gute Argumente.
Sogar Fanny kam mir nur wie eine etwas langweiligere Gwendolyn vor. Ich konnte mir ehrlich für gut Dreiviertel des Buches nicht mal ihren Namen merken. 

Ich merkte, wie mir die Tränen kamen. Das war bei mir immer so: Wenn die Wut zu heftig wurde, musste ich heulen und bekam kein vernünftiges Wort mehr raus.

Seite 225

Insgesamt war mein größtes Problem aber wirklich dieses ständige auf und ab meiner Gefühle während dem Lesen. Und zwar wirklich nicht in positiver Hinsicht. Es gab oft Szenen, die ich einfach nur unfassbar toll fand, die eigentlich Jahreshighlights-würdig wären  – und dann, eine Seite später, gab es etwas, über das ich mich minutenlang hätte aufregen können.
Ich habe während dem Lesen einige Sprachmemos aufgenommen um diese Wut irgendwie rauszubekommen, aber das war einfach nur anstrengend, irgendwann. Beispiele, worüber ich mich aufregen konnte, waren Sätze wie diese: 

Carolin war meine neue Heldin. Sie war ganz sicher der mutigste Mensch auf der Welt. Wenn ich groß war, wollte ich werden wie sie.

Seite 271

Also Entschuldigung, aber das klingt für mich einfach mehr nach der Wattpad-Fanfiction einer Dreizehnjährigen als nach einem Kerstin-Gier Buch? Und dieses „Wenn ich groß war, wollte ich werden wie sie“? Schön und gut, dass Fanny sich Vorbilder sucht, aber sie ist doch selber schon 17 – da denkt man vielleicht noch in so eine Richtung, aber doch nicht mit so einem Wortlaut? Es passt einfach auch nicht zu Fannys sonstigem Stil.

Dann konnte ich mich wieder über irgendetwas freuen, 
über das unfassbar schöne Setting (nein, ich werde sicher nicht müde das zu betonen), einen der Nebencharaktere, der mich zum Lachen bringen konnte oder den Dialekt des alten Stucky, den ich fast ohne Probleme verstehen konnte, weil ich nun mal vom Bodensee komme und da so mancher gar nicht so anders spricht. Oder darüber, wie Kerstin Gier die offensichtlichen Aschenputtel-Parallelen aufnimmt und sie in ihren Text einbaut, was ich einfach nur genial fand.

Und dann musste ich mich wieder über irgendwas aufregen, die (fast) Instalove unserer Protagonisten (immerhin kennen sie sich grade mal seit einer Woche), die Art und Weise, wie die Handlung gewebt wurde, das Übermaß an Kitsch – über das sich die Charaktere selbst lustig machen, nur, damit Kerstin Gier dann noch mal eine Schippe drauflegen konnte –  darüber, wie die Charaktere beschrieben wurden, dass keiner von ihnen auch nur das kleinste bisschen Entwicklung durchmacht. Vor allem aber darüber, dass dieses Buch mir nichts Neues gebracht hat. Es war alles schon mal da gewesen – zumindest ließ mich dieses Gefühl einfach nicht los.
Nach zwei Dritteln der Geschichte, dachte ich: Das einzige, das dieses Buch noch für mich retten könnte, wäre ein wirklich gut gemachter Der-Teufel-ist-ein-Eichhörnchen-Plottwist (ihr wisst hoffentlich was ich meine) – und der Plottwist kam, war meiner Meinung nach aber gar nicht gut gemacht. Im Gegenteil.

Fazit: Ich habe mich sehr viel über dieses Buch aufgeregt – konnte es aber nie richtig, denn dann kam schon wieder eine Szene, die mir sehr gut gefallen hat. Und dann habe ich mich darüber aufgeregt, dass ich mich nicht mehr aufregen konnte und so weiter und so fort. Das Buch war so gut – und gleichzeitig so schlecht und es tut mir wahnsinnig leid, dass ich das nicht irgendwie verständlicher formulieren kann.

Eine Sache noch: ich würde wahnsinnig gerne ein Prequel zum Wolkenschloss lesen, denn ich habe so viele Fragen zu winzigen Details und Hinweisen, die gegeben werden, aber im Buch nirgendwohin führten. Vielleicht ist das auch nur Wunschdenken, weil ich ursprünglich damit gerechnet hatte in der Geschichte mehr fantastischen Elementen zu begegnen. Einen Ausbau davon würde ich aber auf jeden Fall sehr cool finden.

Ich hoffe einfach, ihr konntet meinen widersprüchlichen Einschätzungen in etwa folgen.
Wenn ihr das Wolkenschloss schon gelesen habt, dann schreibt mir doch gerne in die Kommentare, wie es euch gefallen hat!


FJB ·  Hardcover, 460 Seiten  ·  20,00 €
·  Wolkenschloss  ·

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