Thron der Lügen [Freitagsfliegen]

So stand er da und betrachtete sein Volk, das vor ihm kniete. In seiner Hand das eiserne Zepter und mit jeder Sekunde, die er es hielt, spürte er, wie seine Kälte tiefer in ihn eindrang, ihn verschlang und dort, wo seine Seele gewesen war, nur einen schwarzen Fleck zurückließ.

„Lang lebe der König!“, rief der Bischof aus und das Volk wiederholte den Ruf mit kräftiger Stimme, jedoch ohne aufzusehen. Ein Meer aus gesenkten Köpfen lag vor ihm, das nur darauf wartete von ihm kontrolliert zu werden. Es war alles und mehr, was er je gewollt hatte und er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sich auf den steinernen Thron sinken ließ. Sein Blick glitt weiter über die Menge, denn er war noch lange nicht bereit es ihnen zu erlauben aufzustehen. Oh nein, sie sollten sich gleich daran gewöhnen zu knien, zu kriechen vor ihm, ihrem König.

Der Weg dorthin hatte ihn alles gekostet. Er hatte nie viel besessen, doch was er einst gehabt hatte, hatte er verloren. Sein Haus, seine Kleidung, seine Waffen, seine Arbeit. Seine Familie, seine Freunde, seine Geliebte. Sich selbst.

Blut klebte an seinen Händen von Dutzenden, die ihr Leben geben mussten um ihn hier her zu bringen. Doch es war noch nicht genug. Es war noch lange nicht genug um aufzuwiegen, wie sehr er geblutet hatte. Jahrelang.

Das Zepter flüsterte ihm dunkle Ratschläge zu, verlangte eben so sehr nach Tod und Leid wie er. Und er erkannte, dass nicht nur dieses Volk leiden würde, dieses Volk, unter dem er gelitten hatte und das nun das seine war. Nein, nicht nur sie, sondern auch alle anderen Völker würden leiden und mit ihrem Blut seine Kraft nähren, bis sie unermesslich wurde. Eenn es dann bald so weit war, dann würde ihm die Welt gehören. Von nichts, von niemandem würde er sich das noch nehmen lassen. Dies war nun sein Spiel und er dachte gar nicht daran, noch einmal jemand anderes ziehen zu lassen.

Im hinteren Eck des gigantischen Thronsaals hustete jemand. Der neue König brauchte nicht den Bruchteil einer Sekunde, die Schuldige ausfindig zu machen. Blutjung, doch ausgezehrt, mager, krank. Tuberkulose, vermutlich.

„Wachen, nehmt sie fest“, befahl er ruhig. „Sie hat sich bewegt, bevor ich die Erlaubnis erteilte. Dafür soll sie brennen, gleich morgen früh.“ Panisch schrie die Frau auf, versuchte sich zu wehren gegen die großen Soldaten, die sie aus dem Raum zerrten. Sie beteuerte in lauten, weinerlichen Rufen, dass sie doch nichts dafür könne, es sei die Krankheit, nur die Krankheit, doch niemand schenkte ihrem Flehen Gehör. Die restlichen Bürger im Saal waren allesamt zu Eissäulen erstarrt, kein Mucks, kaum ein Atmen kam noch von ihnen und der König schmeckte ihre ungemeine Angst auf seiner Zunge. Gierig sog er sie auf, trank, bis ihm schwindelig davon wurde. Genug, entschied er dann. Für heute.

Ein letztes Mal ließ er seinen Blick über die Menge schweifen. Sie knieten vor ihm, ihrem neuen König, ohne zu ahnen, dass er seinen Thron aus Lügen erbaut hatte.

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