Es gibt keine Monster [Freitagsfliegen]

Der Herbst war meine liebste Jahreszeit.

Die meisten Leute fühlen sich ja angeblich zu der Jahreszeit hingezogen, in der sie geboren wurden. Nicht ich. Ich bin theoretisch ein Frühlingskind, aber mein Herz gehört den frühen Abenden, orangenen Zauberwäldern, warmen Oversize-Pullovern und ausgefallenen Teesorten des Herbstes. Das Rascheln der Blätter, wenn man im Wald spazieren geht, das Einlummeln mit einer warmen Decke auf dem Sofa, das Gefühl einer glatten Kastanie in meiner Handfläche – das sind die Momente, die es nur in dieser Jahreszeit gibt und die ihr ihre ganz besondere Magie verleihen. Meine beste Freundin liebt den Sommer und beschwert sich immer, kaum dass die Temperaturen unter 30 Grad fallen. Ich aber fiebere dem Moment entgegen, in dem ich die Heizung aufdrehen und die gemütlichen Thermo-Leggings aus dem Schrank kramen kann.

Dieses Jahr musste ich lange warten. Der Sommer schien sich endlos zu ziehen und selbst Mitte Oktober waren T-Shirts noch weitaus angebrachter als Pullover. Aber jetzt, jetzt endlich färbten sich die Blätter, wurden die Tage kühler und die Nächte sowieso. Meine Ungeduld kam endlich zur Ruhe und eine tiefe Entspannung setzte ein, der auch die drei Klausuren in der nächsten Woche nichts mehr anhaben konnten.

Meine Mutter war übers Wochenende mit Freundinnen in den Wellness-Urlaub gefahren – ich musste das Haus also nur mit Lina teilen, dem schwarzen Fellknäuel mit den zitternden Schnurrhaaren, das dort drüben auf der Fensterbank schlief. Ich selbst saß in dem alten Sessel in Mamas Büro, neben mir eine dampfende Tasse Tee und in meinen Händen einen dicken Wälzer.

… die feinen Härchen an ihrem ganzen Körper stellten sich auf, und dieses Mal hatte es rein gar nichts mit der Kälte zu tun. Langsame, schwere Schritte ließen die alten Fußbodendielen im Flur knarzen. Maria kauerte im Stockfinsteren hinter dem Schreibtisch auf dem Boden und erwischte sich dabei, wie sie zum ersten Mal seit Jahren betete. Dabei wusste sie längst, dass es dafür schon zu spät war. Er hatte sie gefunden.
Vor der Tür zum Büro hielten die Schritte inne. Maria wagte es nicht zu atmen. Vielleicht, vielleicht würde er doch einfach weitergehen. Dann schwang mit einem langgezogenen Quietschen die Türe auf. In einem billigen Horrorfilm würde der Verrückte nun mit einem Grinsen rufen: „Komm raus, komm raus. Ich weiß, dass du da bist.“ Doch das hier war kein Horrorfilm, es war echt. Und die Stille war viel, viel schlimmer. Er musste nichts sagen, damit Maria seine Gegenwart spürte. Sie sah ihn vor sich, wie seine massige Gestalt den Türrahmen füllte, die Axt lässig in der Hand. Er betrat den Raum und seine Schritte schienen ihr noch langsamer als zuvor. Er wusste, dass sie ihm nicht mehr entkommen konnte, dass sie in der Falle saß. Und er genoss es, ihre Angst zu spüren, die die Luft tränkte und so schwer auf ihre Brust drückte.
Maria konnte sich nicht rühren. Als er um den Schreibtisch herumtrat, den Blick auf sie gerichtet, als hätte er genau gewusst, wo sie zu finden war, entfuhr ihr ein leises Wimmern. Aber sie konnte keine Worte mehr formen, brachte nicht einmal den Mut auf um ihr Leben zu betteln. Die Angst lähmte jedes einzelne ihrer Glieder und selbst die kleinste Bewegung war unmöglich geworden. Hoch ragte er vor ihr auf, im Licht des Vollmonds, das hinter ihm durchs Fenster fiel, nicht mehr als ein schwarzer Schatten. Die polierte Klinge des Beils blitzte in dem silbrigen Schein auf, als…

Ich schreckte aus meiner Lektüre hoch. Mein Herz schlug viel zu schnell und mein Atem ging flach. Das liegt nur am Buch, sagte ich mir. Das ist nur eine Geschichte. Um mich zu beruhigen, nahm ich einen Schluck Tee, der nur noch lauwarm war. Ich warf einen Blick rüber zur Fensterbank, doch Lina war verschwunden. Vermutlich war ich aufgeschreckt, als sie dort herunter gesprungen war.

Ein kalter Windstoß fuhr in den Raum und Gänsehaut überzog meine Arme. Die Kerze auf dem Tisch erlosch. Ich hatte kaum Zeit verwirrt die Stirn zu runzeln, als die große Stehlampe schon neben mir zu flackern begann und der Strom nach ein, zwei Sekunden versagte. Plötzlich saß ich im Dunkeln, das Gluckern der alten Heizungen klang viel zu laut. Ich lauschte viel zu angestrengt, lauschte hinein in dieses viel zu große und auf einmal viel zu leere Haus. Es war, als könnte ich die Dunkelheit hören, die durch die Zimmer kroch auf der Suche nach Etwas, das sie verschlingen konnte. Dabei war da nur das immer gleiche Rauschen von Wasser in den Rohren.

Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich mich zu beruhigen.

Ein lautes Poltern erklang und ich zuckte so stark zusammen, dass ich ein wenig von meinem Tee verschüttete. Ich versuchte das Geräusch einzuordnen. Vielleicht hatte Lina wieder irgendwas herunter geworfen?

Doch das war nicht das dumpfe Geräusch eines Aufpralls auf Holz gewesen. Es war viel heller, gemischt mit einem leichten Klirren, als würde… als würde etwas schweres, großes gegen eine Fensterscheibe klopfen. Und zwar oben im ersten Stock.

So ein Schwachsinn. Es war ganz sicher Lina gewesen. Ich musste nur das Licht wieder anmachen, dann würden diese Hirngespinste auch verschwinden. Akrobatisch verdrehte ich den Körper auf dem Sessel um an den Lichtschalter zu gelangen, ohne aufstehen zu müssen. Ich hatte ihn fast erreicht und –

Da war es wieder, dieses Geräusch. Und dieses Mal war ich mir ganz sicher: das war definitiv eine Fensterscheibe. Und so wie es klang, war es die oben in meinem Zimmer. Ich schluckte und wollte es am liebsten ignorieren, doch ich wusste, dass ich keine ruhige Minute mehr haben würde, wenn ich nicht nachsah. Egal wie logisch ich es wegargumentieren könnte.

Ich streckte mich die letzten Zentimeter, kippte den Schalter, doch das Licht blieb aus. Nicht einmal ein Flackern. Ich schluckte. Selbst der rationalste Teil von mir musste zugeben, dass das schon ein bisschen gruselig war.

Aber mir blieb ja nichts anderes übrig, also stand ich auf und ging raus auf den Flur, probierte den Lichtschalter dort – wieder nichts. Im ganzen Haus schien der Strom ausgefallen zu sein.

Oder jemand hatte ihn abgeschalten, flüsterte es in mir.

So ein Quatsch.

Oder etwas hatte ihn abgeschalten.

Ruhe jetzt!, fluchte ich in Gedanken. Trotzig schüttelte ich den Kopf. Mit mir selbst zu streiten würde es nicht besser machen. Und verrückt war es noch dazu. Ich musste das ganze logisch angehen. Es gab keinen Strom, und demnach kein Licht – ich brauchte also eine Taschenlampe. Mein Handy würde auch gehen, das lag hinter mir im Büro auf dem Tisch. Das Logischste wäre also, mich umzudrehen und es schnell zu holen. Doch die nagende Angst in meinem Bauch, die Art, wie all meine Nerven zum Zerreißen gespannt waren, sagte mir, dass ich sehr viel lieber im Dunkeln durch das Haus schleichen wollte, als dieser Dunkelheit noch einmal den Rücken zuzukehren.

Also schlich ich ohne Licht weiter voran. Meine Kuschelsocken glitten tonlos über das Parkett im Flur, doch schon die erste Treppenstufe knarzte unter meinem Gewicht. Wie ein Donnerschlag hallte das Geräusch durch das Haus und verkündete, wo ich gerade war. Das Gefühl beobachtet zu werden wurde unerträglich und ich sah mich hastig um. In der Dunkelheit erkannte ich nichts als Schatten.

Das Kind in mir schrie, ich sollte die Treppe nach oben rennen, einfach schneller laufen, als die Monster es könnten und ihnen so entkommen. Doch ich ahnte, dass ich dann nur über meine eigenen Füße stolpern und erst recht gefressen würde.

Es gibt keine Monster, wiederholte ich wie ein Mantra in meinem Kopf. Und doch schien es mir, als würde jedes Knarren unter mir von einem zweiten hinter mir beantwortet, doch als ich mich umsah, war da niemand. Natürlich nicht. Es gibt schließlich keine Monster.

Endlich hatte ich das obere Ende der Treppe erreicht und atmete tief durch. Ein Teil der Last fiel wieder von mir ab. Wie lächerlich, mich vor einem leeren Haus zu fürchten, nur weil es dunkel war!

Dann erklang wieder dieses Geräusch, das Klopfen gegen die Scheibe, als hätte es nur darauf gewartet, dass ich mich ein wenig entspannte. Und jetzt hörte ich noch mehr, denn das laute Poltern, dass auch bis nach unten geklungen hatte, wurde gefolgt von einem hohen, schrillen Quietschen: dem Kratzen von Fingernägeln auf Glas.

Ein Schauder lief mir über den Rücken und die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf. Das kam definitiv aus meinem Zimmer.

Vielleicht war es nur Lina, versuchte ich mich zu beruhigen, die sich wieder einmal selbst eingesperrt hatte. Es half nicht viel. Aber ich würde jetzt nicht kneifen. Es gibt keine Monster.

Aber vielleicht Gespenster?

Ich schob mich die letzten paar Meter bis zur Zimmertür. Einen Augenblick lang hielt ich inne und realisierte, dass ein Zögern alles nur noch schlimmer machen würde. Ohne weiter darüber nachzudenken, stieß ich die Tür auf.

In der selben Bewegung duckte ich mich nach unten weg und –

Nichts. Kein Monster sprang mich an, kein Gespenst zog über mich hinweg. Nicht einmal Lina wartete dort hinter der Tür auf mich. Nur mein leeres Zimmer. Ich ging ein paar Schritte hinein, den Blick fest auf das Fenster gerichtet, durch das kaum Licht herein fiel. Da schlug es wieder gegen die Scheibe.

Aus dem Nichts tauchten lange, dunkler Finger auf, die von außen über das Glas kratzten. Sie verursachten dieses eklige Geräusch, das es jedem kalt den Rücken runterlaufen ließ. Noch immer kribbelte mein Nacken, als würden tausend Augen mich aus dem dunklen Flur hinter mir beobachten, doch dieses Mal drehte ich mich nicht um. Ich wusste nicht was schlimmer war: nicht zu wissen, was schon mit mir hier drin war oder dieses Ding da draußen, das so unbedingt hier herein wollte.

Mein Kiefer schmerzte, so fest biss ich die Zähne zusammen. Kein Zurück. Es gibt keine Monster. Wie eine Marionette ging ich auf das Fenster zu, in der Erwartung, die schwarzen Finger würden jede Sekunde erneut auftauchen. Sie würden das Glas endgültig durchschlagen und nach der Wärme meines Körpers tasten. Eiskalt spürte ich ihren Griff beinahe schon um meinen Hals, der mir die Luft abdrückte.

Ich erreichte die Fensterbank. Und wenn es mich dann erst einmal gepackt hatte, würde es sich an mir hinein ins Zimmer ziehen, ein riesiges, schwarzes Ungetüm mit vier Armen, jeder so lang wie mein ganzer Körper. Es würde das riesige Maul aufreißen und seine spitzen Zähne in mein Fleisch bohren. Mein Blut würde in dem dicken Teppich versickern, und die Schmerzen…

Etwas griff nach meiner Hand.

Laut schrie ich auf und sprang einen Meter zurück, stieß dabei den Schreibtischstuhl um und fiel rücklings darüber. Mein Herz raste, meine Handgelenke schmerzten, weil ich versuchte hatte mich aufzufangen. Mein Atem war viel zu laut, viel zu schnell. Welche Rolle spielte das? Es waren sowieso meine letzten Atemzüge. Endlich richtete ich meinen Blick wieder nach oben.

Auf der Fensterbank saß Lina und sah mich mit schief gelegtem Kopf an. Was hast du denn?, schien sie zu fragen. Ich bin’s doch nur.

Ich atmete tief durch. Was war ich doch für ein Angsthase! Meine Fantasie spielte mir Streiche, mehr nicht. Und bestimmt war draußen auch kein Monster. Sicherlich hatte ich mir das alles nur eingebildet. Was für ein Humbug! Ich…

Und wieder schlug es gegen die Scheibe. Auch Lina erschrak und sprang prompt wieder von der Fensterbank. Mit aufgebauschtem Schwanz huschte ihre schwarze Gestalt an mir vorbei und raus aus meinem Zimmer – sie floh. Vielleicht war das ja das einzig Sinnvolle, was auch mir noch blieb.

Doch ich schaute noch immer wie hypnotisiert auf das Fenster und die dunklen Schatten dahinter und irgendwie… irgendwie sahen sie gar nicht mehr so sehr aus wie Finger.

Mit gerunzelter Stirn und dem letzten bisschen Mut und Würde, das ich aufbringen konnte, rappelte ich mich hoch, ging zurück ans Fenster und riss es auf.

Draußen stürmte es. Starker Wind griff nach meinen Haaren und wirbelte die losen Seiten auf meinem Schreibtisch auf. Ein Blitz zuckte am Horizont und direkt vor mir hing ein kahler Ast, den der Sturm von der großen Eiche in unserem Garten abgerissen hatte. Eine erneute Windböe drückte seine Zweige durch das offene Fenster zu mir ins Zimmer. Das und nichts anderes hatte ich gesehen. Sicher war auch der Sturm für den Stromausfall verantwortlich.

Ein erleichtertes Lachen entfuhr mir und mein Herzschlag normalisierte sich so langsam.

Hinter mir im Flur knarzte eine Treppenstufe.

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2 Gedanken zu “Es gibt keine Monster [Freitagsfliegen]

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