Spring ein zweites Mal [FlashbackFreitag]

Mir gehen doch tatsächlich die wirklich „älteren“ Geschichten aus für diese Beitragsreihe aus! Deswegen habe ich jetzt zwei Möglichkeiten: ich habe noch eine Menge „Gedichte“, die ich hier posten könnte, unter dem Hashtag  [Poesieoderso] vielleicht, aber eigentlich will ich das nicht. Denn viele davon sind doch ziemlich persönlich oder auch einfach nur schrecklich kitschig und einfach nicht so, dass sie hier her passen würden. Oder Möglichkeit Zwei: Jede Woche eine neue Kurzgeschichte / Szene / was auch immer zu posten. Und ich denke, darauf wird es wohl auch hinaus laufen. Ich hoffe ihr seid damit einverstanden 😀

Die Szene für diese Woche ist auch erst so zwei Jahre alt. Und ehrlich gesagt habe ich lange gezögert, sie hier zu veröffentlichen, denn sie ist mittlerweile der Ausgangspunkt für eine viel größere Geschichte geworden – die wahrscheinlich auch mein nächstes Projekt sein wird. Aber was soll’s – es ist immerhin eine Geschichte, mit der ich immer noch ziemlich zufrieden bin.

Deswegen jetzt also: Viel Spaß!


Das Türklingeln riss mich aus dem Schlaf, in den ich gerade erst gesunken war. Der Projektor lief noch, aber als ich zum Fenster ging, schaltete ich ihn aus. Im Hof standen keine Militärfahrzeuge, keine Sonder-Einsatz-Kommandos bezogen Stellung – ein gutes Zeichen. Trotzdem führte mich mein nächster Weg zum Bücherregal, zum Zahlenschloss, um unanständige, kontroverse, revolutionäre Werke zu verstecken. Es waren längst nicht mehr die selben wie früher, diese hier waren geschwärzt und gekürzt. Sie erzählten eine Wahrheit, deren Kern zensiert worden war. Ich schloss die Tür zum Schlafzimmer, zum Bad, blieb dann kurz vor dem Spiegel im Flur stehen und strich meine Bluse glatt. Dann erst ging ich zur Tür.
Längst hatte es ein zweites Mal geklingelt, der Ton hallte noch schrill in meinem Kopf nach. Trotzdem nahm ich mir die Zeit durch den Spion zu sehen. Zunächst fiel mein Blick auf die gegenüberliegende Wand, auf das kleine rote Licht, das mir sagte, dass die Kamera alles aufzeichnete. Dann erst sah ich den jungen Mann an, der auf der anderen Seite der hellen Tür wartete. Sein Blick war auf den Spion gerichtet, es wirkte, als sähe er mich direkt an. Seit über anderthalb Jahren hatte ich nicht mehr in diese sturmblauen Augen geblickt. Ich wusste, dass ich die Tür besser nicht öffnen sollte, aber ich konnte nicht anders. Meine Hand zitterte, als ich nacheinander alle Schlösser öffnete.

„Du solltest nicht hier sein“, sagte ich, ehe mein Ex-Freund auch nur den Mund öffnen konnte. Ich blickte wieder zu der Kamera. Das rote Licht schrie mich an, sagte mir, dass es keine zehn Minuten gehen würde, bis die Polizei doch hier war.
„Ich weiß, aber wir müssen reden“, antwortete Kyle. „Kann ich rein kommen?“
„Nein. Du hast nicht mal die Kamera verdeckt. Sie werden gleich hier sein.“
„Das war keine Bitte.“ Mit diesen Worten drängte er mich zur Seite, betrat meine Wohnung und schloss ohne zu fragen die Tür. Ich wehrte mich nicht, ich wagte es nicht.
„Was willst du?“, fuhr ich ihn an.
„Reden.“
„Worüber?“
„Unsere Tochter.“ Das saß. Ich konnte ihn nicht ansehen, konnte nicht antworten. Ging einfach ins Wohnzimmer ans Fenster und blickte hinaus in die Nacht.

„Wie hast du davon erfahren?“, fragte ich doch irgendwann. Ich wusste, dass er mir ins Zimmer gefolgt war, spürte ihn dicht hinter mir, wusste aber auch, dass er weit genug vom Fenster entfernt war, als dass man ihn von draußen hätte sehen können. Manche Gewohnheiten legte man nicht ab. Er blieb still und ich wusste, dass das viel gefährlicher war, als wenn er schreien und toben würde. Ich wünschte mir, er würde mich anschreien.
„Spielt das eine Rolle?“, antwortete er schließlich. „Warum hast du es mir nicht erzählt?“
„Wie hätte ich denn sollen?“, fragte ich und drehte mich um. „Du lebst irgendwo im Untergrund und planst eine Revolution und ich werde rund um die Uhr bewacht. Ich konnte mir ja nicht ein Mal sicher sein, dass du überhaupt noch lebst.“ Er streckte die Hand aus, winkte mich zu sich, zurück in den Schatten. Ich blieb vor ihm stehen, berührte ihn aber nicht. Die Distanz zwischen uns war weitaus größer als die 30 Zentimeter, die uns tatsächlich voneinander trennten.
„Du hättest es mir sagen können, als du schwanger warst.“
„Ich wusste es doch nicht, bis sie mich auf ihren Operationstisch gelegt haben.“
„Was haben sie mit dir gemacht?“
„Nichts. Die Schwangerschaft hat sie abgehalten. Und als Sadie geboren war, hatten sie ein Druckmittel gegen mich. Erpressbar bin ich für sie wertvoller als willenlos oder tot.“
„Erpress -“ Jetzt erst schien Kyle zu begreifen, was ich gerade gesagt hatte. „Wo ist sie? Was haben sie ihr angetan? Ich schwöre dir, wenn sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, dann…“
„Sie ist in einem Heim am anderen Ende der Stadt“, fiel ich ihm ins Wort. „Ich kann sie ein Mal alle zwei Wochen besuchen. Sie haben ihr nichts getan, zumindest bis jetzt. Aber als du hier aufgetaucht bist, hast du vermutlich ihr Todesurteil unterschrieben.“ Kyle sagte nichts, wusste vermutlich nicht, was er hätte sagen können. Ich begann zu zittern, als mir selbst klar wurde, was ich da gerade gesagt hatte. Tränen stiegen mir in die Augen und meine Sicht verschwamm. Als die Welt sich um mich herum zu drehen begann, musste Kyle mich auffangen. Er führte mich zum Sofa, ließ mich aber sofort wieder los, nachdem er mich abgesetzt hatte. Ein schmerzhaften Schluchzen stieg in mir auf, bei dem sich mein gesamtes Innerstes eng zusammenzog. Kyle wartete. Es gab nichts, was er hätte tun können.

„Du hättest nicht kommen dürfen“, brachte ich schließlich hervor.
„Du hast Recht, aber woher hätte ich das vorher wissen sollen?“, fragte er noch immer ruhig, aber ich sah die Angst in seinen Augen, sah sie darin, wie er den rechten Mundwinkel nach unten zog und sich nervös die Haare raufte.
„Wie du es hättest wissen sollen? Hast du gedacht, ich lasse mich freiwillig einsperren? Lasse mir freiwillig vorschreiben, was ich zu essen habe und wie ich mich kleiden soll? Dachtest du, es gefällt mir, ständig beobachtet und verhört zu werden?“ Ich sah ihn an, wartete auf eine Reaktion, die nicht kam. „Hast du wirklich alles vergessen, was wir erlebt haben?“
„Nein. Ich schätze, ich habe überhaupt nicht nachgedacht.“ Wir schwiegen für einen Moment und ich fragte mich, wo die Truppen blieben.
„Wenn sie dich erst mal geschnappt haben, dann haben sie keine Verwendung mehr für mich und noch weniger für Sadie. Sie werden erst die Kleine umbringen und dann mich, vor deinen Augen, einfach, um dich leiden zu sehen. Dann werden sie dich foltern, bis du ihnen alles erzählst, was sie hören wollen. Du wirst alle verraten. Dann erst werden sie dich endgültig hinrichten.“ Ich machte eine Pause, versuchte den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. „Es ist vorbei. Wir haben verloren.“
„Dann dürfen sie mich eben nicht schnappen.“
Ich lachte ihn aus, konnte gar nicht anders. „Kyle, das ist unmöglich. Sie werden jede Minute hier sein.“
„Gibt es keinen zweiten Ausgang?“, fragte er und ich schüttelte den Kopf.
„Das hier ist mein persönliches Gefängnis. Wenn sie es nicht wollen, dann gibt es hier nicht mal einen einzigen Ausgang.“
„Was ist mit den Fenstern?“
„Die lassen sich nicht öffnen und das Panzerglas zerbricht auch nicht. Und bevor du fragst: es gibt hier weder einen Keller noch einen Kamin.“
„Ich kann nicht einfach aufgeben!“, rief Kyle. Zum ersten Mal seit er hier war, wurde er ein wenig laut. Erst jetzt kam der Rebell in ihm zum Vorschein. Der Teil von ihm, der gefürchtet oder bewundert wurde, der Teil von ihm, der uns überhaupt erst in diesen Schlamassel gebracht hatte. Der Teil von ihm, in den ich mich einst verknallt hatte, ehe ich auch den Rest zu lieben lernte. „Nicht ohne meine Tochter wenigstens ein Mal gesehen, ein Mal im Arm gehalten zu haben.“ Ich sah ihn an und fand in seinem Blick den selben zerbrochenen Ausdruck wie damals, als seine Schwester in seinen Armen gestorben war. Wahrscheinlich gab das den Ausschlag, ich weiß es nicht.

„Vielleicht gibt es einen Weg.“
„Welchen? Ich tue alles.“ Ich wollte es ihm erklären, als draußen für einen winzigen Moment lang Scheinwerferlicht zu sehen war. Es wurde fast sofort ausgeschalten, aber wir hatten es gesehen. So etwas übersah man nicht, wenn man nur lang genug davor geflohen war. Ich sprang auf und rannte zum Fenster. Auf den ersten Blick schien alles wie zuvor, aber ich konnte sie sehen, die dunklen Gestalten, die durch die Schatten schlichen.
„Sie sind hier“, sagte ich tonlos. Ich drehte mich wieder zu ihm um und sah ihn erneut an. Ich beschloss, dass wir es versuchen mussten. Taten wir es nicht, waren wir sowieso tot. „Komm“, wies ich ihn an, bevor ich ihn an der Hand die Treppe hinauf bis aufs Dach zog. Mit den Sternen über unseren Köpfen hätte es romantisch sein können, wäre im Hof nicht gerade der erste Panter vorgefahren. „Vertraust du mir?“, fragte ich.
„Immer“, antwortete Kyle. Ich zeigte mit meiner freien Hand in nordwestlicher Richtung über das Dach.
„Dann renn und spring“, sagte ich.
„Nicht ohne dich.“ Kyle sah mich an und verschränkte die Finger mit meinen. Ich nickte und wir liefen los. Gerade als wir den Rand des Daches erreichten, peitschen die ersten Schüsse durch die Luft. Wir sprangen zwischen die Kugeln, mitten in die Dunkelheit hinein.


 

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4 Gedanken zu “Spring ein zweites Mal [FlashbackFreitag]

    • may4la schreibt:

      Oh, vielen Dank!
      Ich hab natürlich schon von dem Buch gehört, aber gelesen habe ich es (leider) noch nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, oder?

      • Alexandra Wendt schreibt:

        Es ist ein sehr gruseliges Buch, wenn du mich fragst. Vielleicht kannst du die dort ein paar Anregungen holen, was alles möglich ist und wie man einen totalitären Überwachungsstaat anlegt.
        Auf jeden Fall kann man aus dem Ansatz ne wirklich spannende Geschichte machen 😉

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