Reise ins Traumland [FlashbackFreitag]

Auch heute wandern wir ein ganzes Stück in der Zeit zurück. „Reise ins Traumland“ war eine der ersten „Kurzgeschichten“, die ich geschrieben habe. Vor allem, weil ich üben wollte auf meinem damals neuen Tablet zu tippen. Ich gebe ehrlich zu: heute bin ich eigentlich gar nicht mehr so wirklich zufrieden damit, aber irgendwie gehört halt auch diese Geschichte zu meinem Weg und deshalb in diese Reihe mit hinein. Aber naja, lest selbst.


Ich wachte auf und lag auf dem Boden. Vor meiner Nase die Tischbeine meines Schreibtisches, auf dem meine Kamera lag – griffbereit – wie immer. Wie bin ich auf den Boden gekommen? Ich war sicher, dass ich in meinem Bett eingeschlafen war. Vielleicht schlafwandle ich ja, so wie Granny. Erst letzte Woche war sie in ihrem Gewächshaus aufgewacht, anstatt in ihrem Bett.
Vorsichtig stand ich auf. Mir tat nichts weh, also bin ich zumindest nicht aus dem Bett gefallen. Aber wie bin ich dann auf dem Boden gelandet? Ich sah mich in meinem Zimmer um. Alles wie immer: nichts an seinem eigentlichen Platz außer meiner Kamera. Aber trotzdem stimmte irgendetwas nicht. Irgendetwas war anders. Der Boden! In meinem Zimmer lag ein heller Eichen-Laminat. Das hier war weder Eiche, noch hell, noch Laminat. Das war dunkles Echtholz. Aber wie kamen dann meine Sachen hier her?
Ich sah aus dem Fenster. Das war nicht unser Garten. Und definitiv der Blick aus einem Erdgeschoss, und nicht von meinem Dachfenster. Statt der üblichen, sauber angelegten Blumenbeete meiner Mutter sah ich kräftige Baumstämme, und hohes Dickicht, durch das vereinzelte Sonnenstrahlen fielen. War ich etwa Dornröschen? Denn ich musste mindestens 100 Jahre geschlafen haben, damit dieser Wald gewachsen sein konnte. Mein Herz klopfte wie wild während mir ein dutzend Fragen durch den Kopf gingen und doch kam ich nicht umhin die Schönheit meiner Umgebung zu bemerken. Der Herbstwald leuchtete in Gelb-, Rot- und Orangetönen. Eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lassen durfte.
Ich schnappte mir meine Kamera und lief aus der Tür. Und landete so prompt in dem Wald, anstatt im Treppenhaus. Vielleicht hatte meine Mutter ja recht und ich wurde wirklich verrückt vom Fotografieren. Das spielte jedoch keine Rolle, wenn sich mir eine so wundervolle Chance bot, meine Mappe zu ergänzen. Ohne zu zögern lief ich tiefer in den Wald hinein.
Schon nach ungefähr Hundert Metern stieß ich auf ein fantastisches Motiv – ein entwurzelter Baum, der eine Brücke über einen winzigen Bach bildete. Ich stellte meine Kamera ein und machte ein Bild. Die Farben waren wunderbar ausdrucksstark und leuchtend. Von der anderen Seite – mit den Wurzeln im Vordergrund, würde es noch besser aussehen. Ich könnte einfach über den Bach springen, oder ich balancierte über den Stamm. Das würde länger dauern und zudem die Gefahr bergen zu fallen – aber auch mehr Spaß machen. Ich hängte mir den Trageriemen meiner Kamera über den Kopf und stieg auf den Baum. Ein, zwei, drei Schritte und ich war drüben. Als ich mit umdrehte um das Bild zu machen, war der Bach jedoch verschwunden. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. Oder ich war tatsächlich verrückt.
Egal, ich stand nämlich jetzt vor einem wunderschönen, kleinen Haus mit Strohdach. Richtig niedlich und perfekt als Haus der sieben Zwerge. Schnell ein Foto, bevor es wieder verschwinden konnte. Es hat sich wirklich gelohnt herzukommen. Eine Nahaufnahme von dem Dach von unten mit dem bunten, aber dann unscharfen Blätterdach würde sich wunderbar in meinem neuen dunklen Bilderrahmen machen, dachte ich. Verstohlen sah ich mich um. Ich hatte schon oft genug Ärger bekommen, weil ich mich auf Privatgelände befunden hatte. Aber das tat ich wahrscheinlich sowieso schon, also machte ich die zwei Schritte auch noch und machte noch eine Aufnahme. Damit war mir ein Platz im besten Fotoworkshop des Landes so gut wie sicher!
Leise drehte ich mich wieder um. Ich war noch immer allein, anscheinend war niemand Zuhause um mich zu erwischen. Umso besser, dann konnte ich noch ein letztes Bild von der Rückseite des Hauses machen.
Ich ging vorsichtig um das Haus herum und duckte mich unter dem Fenster – nur für den Fall, dass doch jemand da war. Hinter dem Haus landete ich in einem wunderschönen Garten. Dieser Wald verlangte mit seinen Motiven ziemlich oft das Wort wunderschön. Wer auch immer mich hierher gebracht hatte – Danke! Noch nie hatte ich so viele perfekte Motive an einem Tag vor der Linse gehabt.
Eigentlich sollte ich wieder gehen, aber dieser Garten… Mit einem schlechten Gewissen betrat ich den Kiesweg und folgte ihm unbehelligt. Anstatt zu einem Gartenhaus oder einem hübschen Rosenbogen (was beides tolle Motive sind), führte er mich zurück zu meinem Zimmer. Ich runzelte die Stirn, aber als ich mich umdrehte, war der Kiesweg verschwunden, inklusive des Gartens. Dann halt nicht. Ich ging wieder hinein und legte meine Kamera wieder auf den Schreibtisch. Um die Bilder jetzt noch auf meinen Computer überzuspielen, war ich definitiv zu müde. Also legte ich mich nur ins Bett und schlief ein.

Ich wachte auf und lag angezogen im Bett. Anscheinend war ich eingeschlafen, bevor ich mich umziehen konnte. Was soll’s. Ich sah aus dem Fenster: unser morgendlicher Garten, samt Teich und nervigem, quakendem Frosch, wahrscheinlich hatte der mich mal wieder geweckt. Die Bilder! Schnell stand ich auf und lief zum Schreibtisch. Meine Kamera lag dort – griffbereit – wie immer. Als ich mir die Bilder von dem mysteriösen Wald noch einmal ansehen wollte, waren sie weg. Nichts, kein einziges gespeichertes Bild von einem umgestürzten Baumstamm oder einem Zwergenhaus. Nichts.
Es war nur ein Traum gewesen. Eine einsame, wünschenswerte Reise ins Traumland. Schade aber auch.

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