Ein leerer Mittag [FlashbackFreitag]

Diesen Text müsste ich irgendwann in der 10. Klasse geschrieben haben. Also vor vier Jahren (ich werde echt alt!). Eigentlich ist das nicht so ganz mein Stil, aber damals hatten wir in der Literatur-AG gerade etwas ähnliches behandelt (auch wenn ich nicht mehr weiß, was) und ich hatte Lust es mal auszuprobieren. Und das kam dabei heraus:


Es ist Mittwoch Nachmittag und sie geht wie jede Woche in die Stadt. Normalerweise hat sie Besorgungen zu machen. Entweder für ihre Mutter, oder für sich selbst. Doch heute weiß sie nicht wohin. Ihre Füße sind ruhelos, ihre Gedanken rasen. Schuld ist er. Warum redet er sie plötzlich an? Diese Frage taucht immer wieder auf. Auch, als sie die drei Frauen beobachtet, die gerade die Straße überqueren. Ihr fallen ihre Schuhe auf. Zwei von ihnen tragen das selbe Paar – eine in weiß, eine in rot. Die Dritte trägt pinke Schuhe. Komisch.
Zwei Mädchen kommen ihr entgegen. Zwei Mädchen, die verschiedener nicht sein könnten. Die eine ist schlank, die andere eher kräftig gebaut. Die Erste selbstsicher, die Nächste stiller, unsicherer. Sie lächelt darüber, dass die beiden dennoch befreundet sind.
Zwei Monate lang hat er sie ignoriert – seit er mit ihr Schluss gemacht hat. Was hat sich geändert? Warum hat er seine Meinung geändert? Was will er plötzlich von ihr, wenn er nicht mehr nur nach Hausaufgaben fragt?
Zwei junge Frauen setzen sich ihr gegenüber auf eine Bank. Ihr erster Gedanke: Schwestern. Dann sieht sie, dass die beiden sich dazu viel zu unähnlich sehen. Die eine ist blond, die andere brünett. Eine ist braungebrannt, die andere blass. Eine trägt eine Sonnenbrille im Haar, die ihre großen Augen verdecken könnte. Die Andere hat kleine Augen. Woher kam der Gedanke, dass sie Schwestern waren?
Vielleicht weil sie so gut aufeinander abgestimmt sind. Weil sie so aussehen, als würden sie sich ohne Worte verstehen. So wie sie und er es einst getan haben. Niemand kannte ihn besser als sie. Warum hatte er dann angefangen sie zu ignorieren? Er konnte nichts von ihren Gefühlen gemerkt haben. Nein, da war sie sicher. Also warum?
Sie geht in ein Café und bestellt etwas zu trinken. Als der Kellner weg ist, hat sie schon vergessen was. Sie beobachtet ein Mädchen in ihrem Alter. Sie sitzt in der Ecke und schreibt etwas auf ihren Block. Ihre Hand fliegt nur so über das Papier. Sie fragt sich, wie das Mädchen wohl heißt: Anna? Lisa? Marina? Sie entscheidet sich für Jana. Sie sieht aus wie eine Jana. Blond, klug. Auf dem Tisch steht neben Janas Block ein leerer Eisbecher. Roter Stiel. Nur eine Erdbeere ist noch darin. Die Erdbeere ist rot wie Blut, oder wie seine Lippen. Warum ändert er ständig seine Meinung.

Ich beobachte die Leute um mich herum. Mein Blick kreuzt den eines anderen Mädchens. Sie sieht weg, auch wenn sie nicht ertappt aussieht. Der Kellner bringt ihr ein Wasser, doch sie bemerkt es nicht mal. Sie starrt mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Wahrscheinlich denkt sie nach. Worüber wohl? Als sie den Kopf wieder wendet sehe ich, dass ihre Augen feucht sind. Hoffentlich ist alles in Ordnung. Irgendwie sieht sie verloren aus.
„Man stellte fest, dass…“ Die Mutter am Tisch neben mir hat ein Buch ausgepackt und beginnt ihrer Tochter vorzulesen. Ich wüsste zu gern, was festgestellt wurde, aber ihre Stimme geht wieder im allgemeinen Gemurmel unter. Aber feststellen… Vielleicht könnte ich ja feststellen, was das Mädchen so bedrückte. Vielleicht könnte ich helfen.
Ich packe meinen Block in die Tasche und hänge sie mir über die Schulter. Dann fische ich mit den Fingern die letzte Erdbeere aus meinem Eisbecher und mache mich auf den Weg. Gut, dass ich schon gezahlt habe, als der Becher kam.

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