Enya, Meerprinzessin [FlashbackFreitag]

Wir bleiben beim Thema der letzten Woche: Märchen und Legenden. Aber wir wandern aus dem All zurück auf die Erde, genauer gesagt: ins Meer.

Viel Spaß!


Es war das 21. Jahrhundert und die Geschichte trug sich im Unterwasserpalast des griechischen Meeresgottes Poseidon zu.

Die Frau des Hausherren, die Göttin Amphitrite und Poseidon waren seit Jahrhunderten nicht mehr gut aufeinander zu sprechen gewesen, da der Gott viele Affären mit sterblichen Frauen hatte. Doch vor neun Monaten hatten die Beiden eine weitere, gemeinsame Nacht zusammen verbracht. Und so kam es, dass an diesem Tage eine Meerprinzessin geboren wurde. Ihr Name sollte Enya lauten und sie hatte die grünen Augen ihres Vaters, sowie das schwarze Haar ihrer Mutter.

Mit den Jahren wuchs das kleine Mädchen zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Doch obwohl sie von allen geehrt und akzeptiert wurde, so fühlte sie sich doch immer ausgeschlossen. Denn sie hatte die Beine eines Menschen.

Der Einzige, der immer zu ihr zu halten schien war ihr Bruder Triton. Als Erbe von Poseidon verstand er es zu schlichten, wenn Vater und Tochter sich stritten. Und als einziger Meermann mit zwei Fischschwänzen schien er auch ihr Problem mit den Menschenbeinen zu verstehen.

Doch hinter dem Rücken aller, wenn er allein in seinen Gemächern war, dann sann er nach dem Tod seiner Schwester, denn er fürchtete um sein Recht auf den Thron. Er war eifersüchtig auf die Schönheit von Enya und auf ihre Anmut. Er fürchtete, dass sie sich bald einen ihrer vielen Verehrer aussuchen würde, ihn heiratete und er den Thron besteigen könnte. Und er hegte all diese Ängste, weil er vergaß, dass er noch immer das Vorrecht auf den Thron hatte.

Und Enya saß während all dieser Zeit in ihrem Zimmer und kämmte ihr Haar. Und wenn sie nicht ihr Haar kämmte, so schärfte sie ihr Messer. Und wenn sie nicht ihr Messer schärfte, so sah sie aus dem Fenster und wünschte sich keine Prinzessin zu sein. Denn Enya wollte den Thron ihres Vaters gar nicht. Und noch weniger wollte sie einen der Meermänner heiraten, die bei ihrem Vater um ihre Hand anhielten.

Im Gegensatz zum Glauben des Volkes war es nicht Enyas Vater, der sie zur Heirat drängte sondern ihre Mutter Amphitrite. Die Königin hatte Angst vor der allzu menschlichen Seite ihrer Tochter. Sie fürchtete Enya an einen Menschensohn zu verlieren. Ihr Vater Poseidon hingegen sah sie noch immer als Kind, als das kleine Mädchen, das er auf dem Schoß wiegen konnte. Er übersah dabei die achtzehn Jahre, die die Beiden bereits miteinander zugebracht hatten.

Und Enya saß in ihrem Zimmer und fragte sich, warum niemand sie fragte, wer sie war. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen – schon lange nicht mehr. Doch sie war auch nicht bereit zu heiraten – nicht ohne jemals geliebt zu haben. Und am allerwenigsten war sie die Prinzessin, die nach dem Thron ihres Vaters trachtete. Doch das wusste niemand, denn niemand fragte sie. Sie wollte keine Prinzessin sein, wollte nicht verhätschelt werden und doch gefangen sein. Sie wollte hinaus in den Ozean und ihr Messer nicht nur als Schmuck tragen. Sie wollte ein Abenteuer erleben und Liebe erfahren. Sie wollte ganz anders sein, wollte so sein, wie ihr Herz war, doch niemand gab ihr jemals die Chance dazu.

Und so saß Enya, die wunderschöne Meerprinzessin, Tag für Tag in ihrem Zimmer und kämmte sich das Haar. Und wenn sie sich nicht das Haar kämmte, so schärfte sie ihr Messer in der Hoffnung, es irgendwann benutzen zu können. Und wenn sie nicht ihr Messer schärfte, so sah sie aus dem Fenster und träumte davon, ein Abenteuer zu erleben.

Und sie erträumte sich allein hunderte von Abenteuern ohne je zu ahnen, dass sie gar nicht allein zu sein bauchte. Denn Enya war nicht die Einzige, die nicht die Chance bekam etwas anderes zu sein. Und niemand wusste, dass alle Meermenschen nur vorgaben etwas zu sein, was sie nicht waren.

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Ein Gedanke zu “Enya, Meerprinzessin [FlashbackFreitag]

  1. gloriamonique schreibt:

    Eine sehr moderne Version eines Märchens – wenig Handlung, viel Reflexion. Was den Text durchaus nicht schlecht macht. die Pointe zeigt, wie passend die Erzählung gestaltet ist: Den letztendlich hofft jeder auf Handlung und doch passiert nichts.

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