Katzen jagen in der Nacht [FlashbackFreitag]

Diese Geschichte ist wieder relativ neu. Geschrieben habe ich sie während der LBM 2016. Die Idee hatte ich, weil wir jeden Abend mit dem Zug an einem alten Stellwerk vobeigefahren sind, das im Dunkeln irgendwie gruselig aussah und so wirkte, als würde mehr hinter seiner Graffiti-besprühten Fassade stecken. Naja, lest selbst!


Talyn zog mich an der Hand über den verlassenen Parkplatz. Wir rannten geduckt über die menschenleere Fläche, obwohl auch das nicht verhindern konnte, dass der Lichtschein der Straßenlaternen uns erfasste. In der hinteren Ecke flackerte eine der Birnen und ich hoffte sie würde erlöschen, aber das tat sie nicht. Das Knirschen des Schotters unter meinen ausgelatschten und dreckigen Sneakern kam mir viel zu laut vor, während Talyn scheinbar rannte ohne den Boden zu berühren. Er erreichte den Zaun kurz vor mir und als ich an seiner Seite ankam hatte er den ehemals dunkelgrünen Draht bereits durchgeschnitten und hielt die spitzen Enden für mich auseinander.
Ohne ein Wort zu sprechen kletterte ich hindurch, Talyn folgte mir. Der Zaun riss blutige Kratzer in seine Arme, doch er schenkte ihnen keine Beachtung und sie verheilten noch bevor Talyn wieder nach meiner Hand griff.
Wir liefen weiter über den viel zu trockenen Boden und das dürre Gestrüpp, das überall wuchs. Es raschelte und vertrocknete Blätter fielen herab, dort wo wir sie berührten. Wir hinterließen viel zu deutliche Spuren, dachte ich noch.
Wir erreichten ein paar Bahngleise und ich hörte das metallische Surren, das einen Zug ankündigte. In der Ferne sah ich zwei Lichter glühen, die rasch näher kamen. Talyn ignorierte es, rannte einfach hinüber und zog mich mit. Wir waren erst ein paar Meter weiter gegangen, als der Zug hinter uns vorbeiraste. Das Herz schlug mir bis zum Hals, mein Mund wurde trocken als ich realisierte, wie knapp das gerade gewesen war.
Talyn schien all das nichts auszumachen. Er hielt nur weiter auf ein verfallenes Haus, nur einige dutzend Meter weiter, zu. Als wir näher kamen erkannte ich, dass es sich um ein altes Stellwerk handeln musste. Ein weiterer Zug rauschte hinter uns vorbei und in seinem Scheinwerferlicht erkannte ich verfallene, eingedunkelte Ziegel, die bis hinauf in den ersten Stock mit schlechten Graffiti bedeckt waren. Die meisten Fenster waren blind oder zerbrochen, die Tür hing lose in den Angeln. Als der Zug vorüber war und alles wieder im Dunkeln lag sprang die weiße Farbe der Graffiti uns aus dem Schatten an wie Gespenster es gelegentlich taten. Als wir uns der Tür näherten knirschten die Teile zerbrochener Dachziegel unter meinen Schuhen.
Talyn führte mich in das schmale Gebäude. Ein Teil der Decke war eingestürzt und versperrte die Treppe. An dem entstandenen Loch lehnte eine Leiter aus Holz, die jemand aufgestellt haben musste um dennoch in den ersten Stock zu kommen. Ich blickte daran entlang nach oben und sah zwischen den alten Dachbalken die Sterne glitzern. Talyn zog mich schnell zurück in die Schatten.
„Und hier sind wir sicher?“, fragte ich ihn. Er schüttelte den Kopf und legte den rechten Zeigefinger an die Lippen um mir zu zeigen, dass ich still sein sollte. Er ging die Wand entlang und stapfte fest mit den Füßen auf. Das alte Holz knarrte bedenklich, durch die kaputten Fenster pfiff der kalte Wind. Ein Zittern durchfuhr meinen angespannten Körper.
Plötzlich verursachte Talyns Treten ein hohles Geräusch und er grinste. Er bückte sich und suchte nach der Öffnung der Falltür, die in der Dunkelheit unsichtbar gewesen war. Ich folgte ihm nach unten in einen steinernen Keller, der sich trotz der anhaltenden Dürre klamm anfühlte. Über uns zog ich die schwere Falltür zu und für einen winzigen Moment umgab mich vollkommene Dunkelheit. Mein Herzschlag stockte. Doch dann knipste Talyn seine Taschenlampe an. Wir befanden uns in einem kleinen Raum ohne Türen oder Fenster, das einzige Möbelstück war die Strickleiter, die nach oben zur Falltür führte. Mein Atem wurde flach und mein Herzschlag beschleunigte sich endgültig auf ein Extrem.
„Talyn“, sagte ich nur und hörte doch die Panik in meiner eigenen Stimme.
„Nur einen kleinen Moment“, antwortete er mir mit seiner rauen Katzenstimme. Er schob nacheinander ein paar lose Ziegel nach hinten und ein lautes Klicken ertönte. Kurz darauf öffnete sich eine Geheimtür in der östlichen Wand. Sie führte uns in einen unterirdischen Gang mit grob behauenen Wänden. Bei jedem meiner Schritte rieselte Staub von der Decke. Ich umklammerte mit meinen Fingern fest, zu fest, Talyns Hand.
„Ich muss hier raus“, flüsterte ich.
„Wir haben es gleich geschafft“, raunte Talyn zurück. Unter meinen Fingerspitzen meinte ich zu spüren wie sich die Struktur seiner Haut veränderte. Er war genauso angespannt wie ich. Wir kamen an einigen Kreuzungen vorbei, doch Talyn schien sich bestens auszukennen, zögerte niemals bei der Entscheidung, welche Richtung wir einschlagen sollten.
„Ich muss hier raus“, sagte ich nur wieder und immer wieder, während das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, immer überwältigender wurde und das Blut in meinen Ohren rauschte. Ich griff noch mit meiner zweiten Hand verzweifelt nach Talyns Arm, dann wurde alles schwarz und ich fiel.

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