Ohne dich! [FlashbackFreitag]

Diese Woche habe ich wirklich ganz ganz tief gegraben. Ganz tief.

„Ohne dich!“ war die erste „Kurzgeschichte“ – wenn man es denn so nennen kann – die ich geschrieben habe. Das war Anfang der neunten Klasse, als ich zum Schüleraustausch in Frankreich war. Damals war ich ziemlich stolz auf den Text und hab mich trotzdem kaum getraut ihn anderen zu zeigen.

Heute habe ich damit weniger Probleme. Lasst mich doch gerne wissen, was ihr denkt! 🙂

LG Maike


Der Wecker klingelt.
Sie will nicht in die Schule gehen. Sie will ganz und gar nicht. Jeden Tag die selben Leute. Jeden Tag die selben Witze. Jeden Tag über sie. Jeden Tag der selbe Schmerz. Man sollte doch meinen, dass sie nach so vielen Jahren alles ignorieren kann. Aber es geht nicht. Und wenn sie nicht in die Schule geht, wird alles nur noch schlimmer.
Seufzend schaltet Paula den Wecker aus und geht in die Küche um zu frühstücken.
Fünfundvierzig Minuten später steht sie vor dem Spiegel. Besser wird sie es nicht hinbekommen. Ihr eckiges Gesicht ist umrahmt von dunkelblonden, in alle Richtung abstehenden Locken. Unter ihren schlammfarbenen Augen sind deutlich die Augenringe zu sehen, trotz Concealer. Paula schnappt sich ihren alten, kaputten, nicht-Marken-Rucksack und verlässt die Wohnung.
Im Bus ist natürlich kein Platz mehr für sie frei. Außer neben Stinke-Paul. Sie setzt sich.
„Paul und Paula sitzen auf dem Baum. Knutschen wild man glaubt es kaum…“, schallt es von den Jüngeren durch den ganzen Bus. Paula macht sich ganz klein und versucht die Sticheleien einfach abprallen zu lassen. Es ist doch sowieso jeden Tag das Selbe. Sagt sie sich. Aber es hilft nichts. Als Pauls „Odeur“ bei ihr ankommt, hält sie sich angeekelt ihren Schal vor Mund und Nase.
Wie immer kommt Paula als die Letzte. Sie will auf keinen Fall mehr Zeit als nötig mit Zoë in einem Raum verbringen. Kaum kommt sie in die Nähe ihrer Klasse, geht es auch schon wieder los. Alle klemmen die Hände unter die Achseln und gackern. Mit Zoë als ihrer Anführerin.
Mathe. Paula hasst Mathe. Die Arbeit von letzter Stunde. Paula hatte ja gewusst, dass sie sie in den Sand gesetzt hatte, aber eine 5! Das konnte sie sich eigentlich nicht leisten. Als Herr Braun ihr die Arbeit gibt, sagt er zu allem Überfluss auch noch: „Sag deiner Mutter bitte, sie soll mich anrufen.“ Und das sagt er so laut, dass die ganze Klasse es hören kann. Paula läuft rot an und versteckt die Arbeit in ihrem Rucksack.
Es klopft. Die Dame aus dem Sekretariat schiebt einen Jungen in die Klasse. Groß, kräftig, in den stylischsten Klamotten, eine Converse-Tasche lässig über die Schulter gehängt, geht er ganz ruhig zum Lehrer und sagt: „Ich bin Maël, der neue Schüler aus Paris.“
„Ach ja, richtig“, sagt Braun, kramt in seinen Unterlagen und reicht Maël einen Stundenplan. „Klasse, begrüßt bitte alle Michael.“
„Maël, Herr Braun. Sein Name ist Maël“, korrigiert Zoë ihn sofort. Sie klimpert Maël mit ihren Wimpern an und streckt die Brust raus.
„Was auch immer“, sagt der Lehrer. Maël dreht sich um. Zoë lächelt ihn an, aber sein Blick nimmt kaum Notiz von ihr, als er über die Klasse streift. Fast so, als sei die Klasse neu, nicht er. Paulas und sein Blick begegnen sich. Déjá-vu. Sein Blick gleitet weiter. Der Moment ist vorbei.

Nach der Pause geht das Gackern wieder los. Maël macht nicht mit. Als Einziger. Er versucht Paula anzusprechen, doch sie geht ihm aus dem Weg.
In der Mittagspause sitzt Paula allein. So wie immer. Als Maël die Cafétéria betritt, sucht er nach ihr. Er entdeckt sie ganz hinten, neben den Mülleimern. Sie bemerkt ihn nicht. Bis er sich ihr gegenüber setzt.
„Hi“, sagt er. Paula sieht ungläubig auf. Niemand hatte sich seit der Grundschule zu ihr gesetzt. Niemand.
„ Ich bin Maël.“
„Paula.“ Sie bezweifelt, dass er sie gehört hat.
„Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Kennen wir uns? Ich meine von früher.“ Maël lächelt.
„Ich weiß es nicht. Ich hatte auch schon das Gefühl“ Sie ist durch sein Lächeln ermutigt.
„Ich kannte mal eine Paula. Aber das ist bestimmt schon zehn Jahre her.“
„Ich auch. Also ich kannte einen Maël. Er hat direkt neben mir gewohnt. Wir waren beste Freunde, bis er umgezogen ist“, erzählt Paula. Sie hat das noch nie jemandem erzählt.
„Das ist genau meine Geschichte! Als ob ich dieser Junge wäre. Ist dieser Zufall nicht zu groß?“, fragt er.
„Ich glaube nicht an Zufälle, nur an das Schicksal“, platz es aus ihr hervor. Sie hat das noch nie jemandem erzählt. Nie.
„Ich auch nicht Paulinchen“, sagt er. Ihr alter Kosename.

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