19 Kerben [FlashbackFreitag]

Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie ich aufgewacht bin.
Ich weiß noch, dass alles um mich herum schwarz war und kalt, dann aber wärmer wurde. Und mit der Temperatur änderte sich auch meine Wahrnehmung. Der Boden unter mir schien sich aufzulösen und stattdessen spürte ich die Luft um mich herum. Dieses Gefühl dehnte sich aus, bis ich schließlich wusste, dass der Boden unter mir war ohne ihn zu spüren, wusste wie groß der Raum war und welche Objekte sich in ihm befanden, ohne sie zu sehen. Ich konnte sie spüren. Ich dachte, so musste eine Fledermaus ihre Umgebung wahrnehmen und doch war es anders. Denn ich wusste nicht nur was mich umgab, sondern auch welche Farbe es hatte.
So entstand ein Bild in meinem Kopf, viel detaillierter als ich es je mit Augen hätte sehen können. Es war schön und ungewohnt und auch erschreckend, denn ich war in der Lage kleinste Veränderungen wahrzunehmen.
Noch bevor die Tür geöffnet wurde, spürte ich, wie jemand hinter sie trat und die Hand auf die Klinke legte. Ich spürte es an der Luftbewegung, die durch den schmalen Spalt zwischen Holz und Boden drang. Ich erwartete gespannt, wer zu mir kommen würde.
Es war eine Frau in einem weißen Kleid und ich wusste sofort, dass sie wichtig für mein Leben war.
„Wer bist du?“ fragte ich.
„Ich bin deine Hüterin. Ich geleite dich hinüber.“
„Hinüber? Warum, was ist passiert?“
„Du bist gestorben.“ Man sollte meinen, dass dieser Satz irgendwelche Auswirkungen auf mich hatte, doch das hatte er nicht. Ich nahm es einfach hin. Ich stellte es nicht in Frage, wollte nicht wissen wann oder wie ich gestorben war. Ich wusste einfach, dass es die Wahrheit war und mehr brauchte ich auch nicht zu wissen.
„Kannst du dich an deinen Namen erinnern?“ fragte die Hüterin.
„Ja,“ antwortete ich, „Mein Name ist Carina Douglas. Ich bin sechzehn Jahre alt.“
„Sehr gut. Jetzt können wir auf der anderen Seite deine Familie finden. Komm.“ Sie streckte mir die Hand hin und ich stand auf um sie zu ergreifen. „Du musst noch einige Dinge wissen, bevor wir diese Welt verlassen können.“
„Was denn zum Beispiel?“
„Du bist jetzt ein Geist, Carina. Hast du denn keine Fragen?“
„Doch.“ Unendlich viele und sie strömten alle auf einmal auf mich ein. Ich hatte schon immer Fragen gehabt. Viele Fragen. Ich wusste, dass ich schon mit sieben nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn des Sterbens gefragt hatte. Dass ich mit neun wissen wollte, woher der Brauch des Heiratens kam und wie die Kakao-Bauern die Schokolade ernten. Ich hatte immer Fragen gehabt. Meine Eltern behaupteten immer, es sei ein Wunder gewesen, dass mein erster Satz keine Frage gewesen war.
„Gibt es noch mehr Geister?“
„Natürlich. Jeder der stirbt, wird ein Geist. Die meisten gehen nach dem Tod sofort hinüber.“
„Und die anderen?“
„Haben meist noch etwas zu erledigen oder zu sagen. Sie bleiben dann noch für unbestimmte Zeit auf der Erde. Aber nie zu lang, denn ein Geisterleben auf der Erde ist einsam. Niemand kann dich sehen oder hören – nicht einmal andere Geister.“
„Klingt einsam.“ Meinte ich.
„Ist es auch.“
„Woher weiß ich, dass ich hinüber kann?“
„Ich wäre nicht hier, wenn nicht.“
„Bist du auch tot?“
„Nein, nicht ganz. Aber ich lebe auch nicht richtig. Ich bin in die Welt gekommen, wie ich bin und werde auch so bleiben, bis mein Licht erlöscht.“
„Das verstehe ich nicht.“ Gab ich zu.
„Das wirst du, wenn du erst einmal auf der anderen Seite bist.“
„Dann können wir gehen?“
„Ja, das können wir.“ Sie sah mich an und lächelte. Dieses Lächeln hielt mich gefangen und ich konnte nicht wegsehen, bis neben uns ein helles weißes Licht leuchtete.
„Das ist das Tor. Nimm meine Hand, dann zeige ich dir den Weg.“ Die Hüterin trat in das Licht hinein, sodass ich sie nur noch schemenhaft erkennen konnte und streckte mir abermals die Hand hin. Ich ergriff sie, doch als ich den ersten Schritt machen wollte, erlosch das Licht.
„Was ist los?“ fragte ich.
„Das Tor hat sich geschlossen.“
„Warum?“
„Du bist doch noch nicht so weit.“
„Was? Aber…“
„Ich habe keine Zeit mehr. Komm bald hinüber!“
„Warte! Ich…“ Ich will doch hinüber. Aber es war zu spät, die Hüterin war verschwunden.

Von diesem Moment an strich ich ruhelos durch das Land. Ich wusste nicht einmal, in welchem Land ich war. Um mein Zeitgefühl nicht genauso zu verlieren wie Hunger und Müdigkeit, machte ich bei jedem Sonnenaufgang eine Kerbe in ein Stück Treibholz, dass ich die ganze Zeit bei mir trug. Erst nach 19 Kerben änderte sich etwas schlagartig.

Ich saß in einem Café an einem Tisch mit drei Mädchen, die in etwa so alt sein mussten, wie ich vor meinem Tod – vielleicht auch etwas älter. Das machte ich immer häufiger: an Orte gehen, die ich aufgesucht hätte, wenn ich noch am Leben gewesen wäre. Ich setzte mich zu Leuten in meinem Alter, ohne dass sie es bemerkten, hörte ihnen zu, lachte über ihre Witze und manchmal fragte ich mich, ob sie auch schon mit dem Tod konfrontiert worden waren.
Ich dachte, dass dieser Nachmittag genauso wäre, wie jeder andere davor, aber dann sah ich ihn.
Er ging auf der anderen Straßenseite über den Bürgersteig, hatte den Kopf gesenkt. Ich konnte dunkle Locken erkennen, helle Haut und bewunderte seine Lederjacke. Vor dem Schaufenster des Musikladens blieb er stehen und betrachtete die Gitarren.
Ohne es zu merken war ich aufgesprungen. Ich hörte gerade noch so, wie das Mädchen neben mir sagte, es ziehe irgendwoher, aber das war mir egal. Ich ging zu den großen Fenstern und legte eine Hand auf die Scheibe. Es war eigenartig, das kalte Glas unter meinen Fingern zu spüren, ohne es wirklich zu berühren. Den Widerstand des Materials zu spüren, obwohl ich es jederzeit durchdringen konnte. Die Gedanken daran hielten mich nicht lange auf – ich hatte schon an Tag acht aufgehört, mir über die physikalischen Gesetze dieses Lebens Gedanken zu machen.
Als er sich wieder von dem Schaufenster abwandte, flog sein Blick über das Café. Er hätte es vermutlich nicht einmal bemerkt, wenn er mich nicht gesehen hätte. Seine Augen blieben aber auf mir liegen – er sah mich auch. Wir begriffen beide sofort, was los war. Oder vielleicht begriffen wir es eben auch überhaupt nicht. Ich wusste aber mit Sicherheit, dass etwas nicht stimmte.
Für eine kleine Ewigkeit sahen wir uns nur an und ich vergaß fast, was um mich herum geschah, bemerkte erst, dass die Mädchen gegangen waren, als sie vor dem Fenster vorbeiliefen. Irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich ging durch die Scheibe, über die Straße auf ihn zu. Noch bevor ich überhaupt die Chance hatte, den Mund aufzumachen meinte er: „Du bist tot.“
Ich lächelte ihn unwillkürlich an. „Ja, und? Du doch auch.“

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5 Gedanken zu “19 Kerben [FlashbackFreitag]

  1. gloriamonique schreibt:

    Der erste teil mit der Hüterin liest sich etwas schwierig. Die Art und Weise, wie das Mädchen den Raum wahrnimmt, ist interessant, würde jedoch besser wirken, wenn du direkt von den Gefühlen des Mädchens sprichst (und nicht, dass sie aus ihrer Erinnerung erzählt). Die Frage, ob das Mädchen Fragen hat, ist überflüssig.
    Der zweite Teil ist dagegen deutlich packender und besser geschrieben. Hier wird die Sache spannend 😉 Noch ein Tipp: Statt indiekt von dem Gespräch der Mädchen zu erzählen, könntest du das auch direkt. Lass das Mädchen so tun, als ob sie am Gespräch der anderen teilnimmt: Dadurch wird der Leser irritiert und fragt sich: Ist sie nun doch nicht tot? Danach erklärst du erst, dass das Mädchen nur so tut, als sei sie Teil des Treffens.
    So als Idee…^^

    • may4la schreibt:

      Vielen lieben Dank für die Rückmeldung!
      Ich muss ehrlich zugeben, dass ich beim erneuten Durchlesen der Geschichte vor dem Posten selbst ein wenig zusammen gezuckt bin und mir den Kopf darüber zerbrochen habe, warum ich gerade den Anfang damals (so vor 3, 4 Jahren schätze ich?) so und nicht anders geschrieben habe. Geändert habe ich es aber nicht, denn die Idee hinter dem #FlashbackFreitag hier auf meinem Blog war es, alte Texte wieder hervor zu kramen und zu posten ohne große Überarbeitung. Denn auch wenn ich sie heute wohl ganz anders schreiben würde, sind sie doch ein Teil von mir und waren ein Puzzleteil auf meinem Weg, so abgedroschen das auch klingt.
      Deine Tipps werde ich aber sicher nicht vergessen und bei meinen aktuellen und zukünftigen Projekten so gut ich kann beherzigen 🙂 Noch mal danke!!

      • gloriamonique schreibt:

        Ahh, das mit dem flashbackfriday hatte ich nicht gesehen/gelesen. Eine witzige Idee^^ vielleicht findet sich da auch noch etwas auf meinem Rechner.
        Schreibst du an dieser Idee noch oder liegt sie auf Eis?

      • may4la schreibt:

        Ja, vielleicht sollte ich das mit in dem Titel einbauen, damit es deutlicher wird? Es gibt sicher noch viel, was ich noch verbessern kann, ich fange ja gerade erst an.
        Wenn sich was findet, wäre ich sehr neugierig. 😀
        Die Idee liegt momentan auf Eis, mehr als das Stück hier gibt es bis jetzt auch nicht. Und momentan leider auch keine Pläne daran etwas zu ändern…

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