Eisblumen [FlashbackFreitag]

Hallöchen!

irgendwie bin ich ganz nervös diese Geschichte wieder zu teilen. Aber es fühlt sich an als wäre es etwas besonderes, wenn ich es im Rahmen der #FlashbackFreitag Serie tue, die ich hiermit ins Leben rufe.

Jeden Freitag will ich euch eine meiner alten Geschichten vorstellen. Und „Eisblumen“ ist heute die erste. Ich habe lange gerätselt, mit welcher ich anfangen soll, immerhin ist der erste Eindruck oft entscheidend. Gegen diese hier sprach, dass sie in Verbindung mit dem gleichnamigen Lied von Eisblume steht (wenn ihr es nicht kennt, das hier meine ich:  Eisblume – Eisblumen). Dafür sprach jedoch, dass ich die Story eigentlich ganz hübsch finde und mir mal jemand gesagt hat, es wäre seine Lieblings-Kurzgeschichte von mir.

So, jetzt aber genug des Vorspanns. Bildet euch selbst eine Meinung und sagt mir doch, was ihr von der Idee des #FlashbackFreitags denkt.

Liebe Grüße

Maike


Mein Name ist Alkyone. Ich bin 312 Jahre alt und die Tochter von Eisblumenkönig Nanook.

Das heißt ich bin eine Prinzessin und jeden Tag kommen Männer zu meinem Vater um um meine Hand anzuhalten. Ich werde verehrt und geliebt und gefürchtet. Ich bekomme immer was ich will.

Außer dem, was ich nicht wollen darf.

Denn kaum hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, schlich ich aus meinem Bett und hinaus auf die Straße. Ich sollte die Nacht lieben, doch ich liebte den Tag. Den Sonnenschein, den ich nicht spüren konnte, das Gelächter, das nachts von der Dunkelheit verschluckt wurde, die Unbeschwertheit, die die Nacht verschwinden ließ. Wenn ich den Schatten verließ, dann zog ich mir die Kapuze meines Sweatshirts weit ins Gesicht. Auf keinen Fall durfte die Sonne meine Haut berühren. Ich ging mit gesenktem Kopf durch die Straßen, doch ich musste nichts sehen um zu wissen, was um mich herum vorging.

Ich wich den Menschen aus, berührte niemanden, aus Angst, meine Kraft nicht unter Kontrolle zu haben und sie zu Eis zu verwandeln oder sie in Schatten zu hüllen, bis sie daran erstickten. Ich war tödlich, und dabei wollte ich nichts mehr als zu leben.

Am liebsten ist mir der Sonnenuntergang, wenn das Licht rot wird und alles in Brand zu setzen scheint. Das ist der einzige Augenblick, an dem ich die Kapuze abnehmen kann um mein Gesicht in das Licht zu halten ohne zu verbrennen. Die Wärme zu genießen und für einen Moment so zu tun, als wäre ich ein normaler Mensch. Viel zu selten hatte ich die Gelegenheit dazu, denn bei Sonnenuntergang musste ich in der großen Halle sein und meinem Vater zu hören, wie er die Gruppe auf die Nacht vorbereitete.

„Die Bleichheit, die von unsern Wangen schneit, macht uns wie Engel schön. Sie sollten auf die Knie gehen und beten das der Mond verhangen bleibt.“

Der Mond, der unsere wahre Natur nach außen tragen kann. Jeden Abend sprach mein Vater diese Worte, und jeden Abend war ich es, die heimlich betete. Und dann musste ich mit ihnen losziehen.

Ich wollte das nie, doch ich hatte keine Wahl. Ich lebe von den Schatten, die Nachts die völlige Dunkelheit sind. Ich nehme sie in mich auf, trinke sie. Komme ich an einer Pfütze vorbei, so wird sie zu Eis. Sehe ich eine Straßenlaterne, so geht sie kaputt. Ich trage den Schatten und das Eis in mir und hülle alles darin ein, bis es stirbt. Ich sehe mich um und sehe meine eigene Grausamkeit in den Gesichtern der anderen widergespiegelt.

Wenn ein Passant das Pech hat uns zu begegnen, so wird er wohl nie mehr auftauchen. Er verschwindet vom Erdboden, getötet von Eis und verschluckt von der Dunkelheit, die wir in uns tragen. Ich wünschte, ich hätte eine Wahl.

Bevor die Sonne aufgeht, müssen wir zurück in den Appartments sein. Bei geschlossenen Rollläden, in völliger Dunkelheit. Dann gingen wir zu Bett und schliefen bis zur nächsten Finsternis. Und wenn sie alle schliefen, dann stahl ich mich hinaus.

Ich weiß nicht, wie mein Vater davon erfuhr, dass ich mich hinausstahl. Es ist knapp hundert Jahre her, dass er es zum ersten Mal bemerkte. Damals hatte er mich nur zur Rede gestellt und ich hatte behauptet, nur neugierig zu sein. Danach war ich vorsichtiger geworden. Bis ich David traf.

David war zweiundzwanzig, als wir uns das erste Mal begegneten. Er was Musiker und gerade erst in unsere Stadt gezogen. Ich wusste nicht warum, doch ich verbrachte gerne Zeit mit ihm. Und es wurde immer mehr Zeit, die wir miteinander verbrachten. Er versuchte zehn Mal, mit mir auszugehen, doch ich konnte nie. Ich behauptete, keine Zeit zu haben. Nach dem zehnten Mal war er sauer und wandte sich von mir ab. Also erzählte ich ihm das, was der Wahrheit am nächsten kam, ohne zu lügen, denn lügen konnte ich nicht: Das mein Vater sehr streng sei und mich nachts nicht aus den Augen ließe. Ich wusste nicht, ob er mir wirklich glaubte, oder ob er mir nur gern glauben würde. Es war mir auch egal.

Doch umso mehr Zeit ich mit David verbrachte, umso unvorsichtiger wurde ich. Bis ich eines Tages an seine Schulter gelehnt im Schatten eines Baumes einschlief. Ich wurde von der Sonne geweckt, die in mein Gesicht schien. Der Schatten war weiter gewandert und ich hatte es nicht bemerkt. Es tat nicht weh, doch ich wusste, was geschah. Meine Haut verbrannte mit jeder Sekunde, die sie dem Licht ausgesetzt war. Sie wurde rot und schrumpelig. Ich zog mir sofort die Kapuze über den Kopf, auch wenn es dafür viel zu spät war. Dann blickte ich schnell zu David. Er schlief. Ich rannte davon.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte nicht nach Hause, bevor meine Haut nicht verheilt war. Das würde ein paar Tage dauern, doch wenn ich nicht in der Halle war, würde Vater nach mir suchen lassen. Und man konnte ihm nicht entkommen. Niemand konnte das, noch nicht einmal ich.

Sie fanden mich.

Mein Vater war außer sich vor Wut. Ich stand nur da, versuchte nicht zu weinen und ihm nicht von David zu erzählen. „Wir sind Eisblumen. Wir blühen in der Nacht. Der Tag macht alles grell und rau. Warum warst du draußen?“ Mindestens drei Mal schon hatte er mir diese Frage gestellt, hatte geschrien und getobt. Ich hatte nie geantwortet. Jetzt änderte er die Strategie. Er beugte sich zu mir herunter und blies mir sein Eis ins Gesicht. Es heilte mich und gab mir meine Schönheit zurück.

Dann packte er mein Gesicht und zwang mich ihm in die Augen zu sehen. „Die Bleichheit, die von unsren Wangen schneit macht uns wie Engel schön. Wir sind die Eisblumen, viel zu schön für den Tag. Kalt und Schwarz ist unsre Macht. Eisblumen blühen in der Nacht. Warum warst du draußen?“ Er sprach jetzt ganz ruhig, schmeichelnd, doch ich spürte die Kälte hinter seinen Worten. Ich wusste nicht warum ich antwortete, doch ich tat es. „Ich möchte strahlen.“ sagte ich. Es war eine Zeile aus einem von Davids Liedern und ich sprach sie aus. Seit Tagen spukte sie durch meine Gedanken, ich hatte es mir nur nicht eingestehen wollen. Die Hand meines Vaters klatschte flach auf meine Wange, doch ich spürte keinen Schmerz. „Wer leuchten will, der flieht das Licht, der schaut der Nacht ins Angesicht“, sagte er. Dann wandte er sich ab, ließ mich fallen wie ein faules Stück Obst.

An diesem Abend beschloss mein Vater die Stadt zu zerstören. Ich stand am Rande der Menge und hörte seine Worte ohne zu begreifen, was sie bedeuteten.

„Die Bleichheit, die von unsren Wangen schneit, macht uns wie Engel schön. Sie werden auf die Knie gehen und beten, dass der Mond verhangen bleibt. Wir sind die Eisblumen. Wir blühen in der Nacht. Wir sind die Eisblumen, viel zu schön für den Tag. Wir sind die Eisblumen. Kalt und Schwarz ist unsre Macht. Eisblumen blühen in der Nacht.“

Und dann zogen die Krieger los und zerstörten alles, was sie sahen. Sie brachen in die Häuser ein und töteten die Menschen. Niemand überlebte. Und das war meine Schuld.

Ich lief hinter ihnen her, als wäre ich schon tot. Kein Schrei erreichte mein Ohr. Keine Dunkelheit erfüllte mein Herz. Ich trank nicht, sondern hungerte. Sehnte mich nach Davids starken Armen, die mich in diesem Moment festhalten sollten.

Als wir in einen Club stürmten, kam mein Leben zurück. Denn dort auf der Bühne stand David. Er sah mich an und ich sah ihn an. Und ich sah, wie sich jemand von hinten an ihn heran schlich. Ich sah wie er tot zu Boden stürzte. Ich stand dort, und die Welt drehte sich um mich herum. Meine Tränen liefen über und verwandelten den Boden zu Eis. Ich rannte und rannte und kam schließlich bei ihm an. Meine Tränen tropften auf seine Haut, meine Dunkelheit umschlang uns und schirmte uns ab. Ich betete, doch nichts geschah. Nichts außer dass der Vollmond durch die Fenster schien und uns unsere ganze Kraft gab. Ich sah in Davids Augen und suchte nach dem Leben, dass mir Halt gegeben hatte. Es war fort. Er war tot.

Ich schloss die Augen, versuchte die Zeit zurück zu drehen. Meine Macht zu bündeln und ihn zurück zu holen. Doch alles was geschah, war, dass er zu Staub zerfiel, in meinen Händen, zerdrückt von mir. Es war, als hätte es ihn nie gegeben. Mein Herz war alles, was sich an ihn erinnern würde.

Der Siegesgesang unserer Truppe hallte mir in den Ohren als wir zurück zu den Appartments gingen.

„Wir sind die Eisblumen

Wir blühen in der Nacht

Wir sind die Eisblumen

Viel zu schön …

Wir sind die Eisblumen

Kalt und Schwarz ist unsre Macht

Eisblumen blühen in der Nacht…“

An diesem Morgen stahl ich mich zu Sonnenaufgang bereits heraus. Stellte mich ins Licht und wartete, bis nur noch Asche von mir übrig war.

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3 Gedanken zu “Eisblumen [FlashbackFreitag]

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